Liebe kann auch konventionelle Roadmovies transzendieren
Foto: Mubi
Ich war gleichzeitig überrascht und auch irgendwie enttäuscht, als sich der Film dann doch als ein ziemlich konventionelles Roadmovie inklusive der durchgespielten Tropen entpuppt hat.
Die zwei scheinbar sehr gegensätzlichen Figuren, die sich im Verlauf immer mehr aufeinander zu bewegen; die Suche nach etwas oder jemandem, die letztlich auch oder vor allem in einer Suche nach sich selbst gipfelt – das alles ist leider das Erwartbare und das versucht der Film auch nicht, zu umschiffen.
Aber ich finde, Levan Akin hat dennoch sehr viele sehr berührende und sehr wahrhafte Momente zu schaffen – Momente, in denen die Figuren es schaffen, sich von ihrer Festgefahrenheit, ihrer Verbitterung zu lösen, sich fallen zu lassen, sich verletzlich zu zeigen, damit aufeinander zuzugehen.
Ein offener, respektvoller und liebevoller Umgang miteinander ist so einfach, weil er keine Verlierer:innen kennt. Einen Menschen mit seinem selbstgewählten Namen und dem richtigen Pronomen anzusprechen, gehört auch dazu. Liebe ist nicht einer binären Geschlechterordnung verschrieben, sondern transzendiert diesen engen Wahrnehmungskorridor.
Das ist ein total schöner Gedanke und irgendwie auch das, wonach man nie aufhören sollte, zu suchen.
★★★½☆
🇩🇰/🇫🇷/🇬🇪/🇸🇪/🇹🇷, R: Levan Akin, D: Mzia Arabuli, Lucas Kankava, Deniz Dumanlı, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Mubi
Was Andrea Arnold immer meisterinnenhaft gelang, entgleitet ihr hier ein bisschen...
Foto: MFA Film
Diese Art von sozialem mit magischem Realismus zu verknüpfen, ist auf jeden Fall ambitioniert. Aber ich finde, Andrea Arnold gelingt hier etwas. Plötzlich hat ihre entbehrungsreiche Welt eine zusätzliche Dimension, in die es sich zusammen mit all den anderen Vögeln entschwinden lässt, wenn die eigentliche Welt unerträglich eng wird. Das ist, finde ich, schon ein sehr herzenswarmer, berührender Gedanke.
Mir hat außerdem gefallen, wie laut, wie treibend und wie hektisch dieser Film mitunter werden kann. Wie die Kamera stellenweise wortwörtlich Schritt halten muss und es kaum schafft, wie sie beim Linedance fast umgerempelt wird. Andrea Arnold hat hier schon eine beeindruckende Rastlosigkeit inszeniert.
Sich in dieser Umgebung zu bewegen, ist immer ein Drahtseilakt – und der gelingt hier Andrea Arnold zum ersten Mal sehr oft nicht ganz. Bei mir hat sich der Eindruck breitgemacht, dass sie ihren Figuren in vielen Momenten nicht mehr die eigentlich angebrachte Empathie entgegenbringen kann. Dass der Blick durch ihre Kamera plötzlich ein verurteilender ist. Dass dem Film so plötzlich etwas Milieutouristisches anhängt, was so zuvor immer so meisterinnenhaft vermieden hat.
★★★½☆
🇫🇷/🇬🇧/🇺🇸, R: Andrea Arnold, D: Nykiya Adams, Barry Keoghan, Franz Rogowski, Jason Buda, Jasmine Jobson, Frankie Box, James Nelson-Joyce, Jason Williamson, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: MFA Film
Wie viel Potenzial des Guten hier einfach im Nichts verpufft, ist deprimierend.
Foto: Mit Blick auf die Zärtlichkeit
Ein trauriges und bedrückendes Zeugnis dessen, wie diffus und verengt die Zukunft plötzlich scheint, wenn man die Vorbilder aus der Gleichung nimmt oder sie gar nicht erst existieren. Natürlich spielen auch noch sozioökonomische Faktoren eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von jungen Männern wie diejenigen, mit denen Alice Diop hier spricht. Wie viel Potenzial des Guten hier einfach im Nichts verpufft, ist deprimierend.
Denn dieses Potenzial ist zweifelsohne vorhanden. Diops kurzes Eintauchen in diese Welt zeigt, dass diese jungen Männer sich sehr wohl artikulieren können und dass sie Zugang zu ihren (nicht sonderlich guten) Gefühlen, also sich selbst haben. Aber es wird eben auch klar, dass sie keinen wirklichen Umgang damit haben, weil ihnen der von niemandem so richtig beigebracht oder vorgelebt wurde.
Ich würde das nicht direkt als fruchtbaren Boden für Misogynie, Homo- und Transphobie sowie ein generell toxisch-männliches Rollenverständnis bezeichnen. Aber es begünstigt diese Entwicklung schon, weil es unter diesen Umständen extrem schwer ist, das notwendige Maß an Reflexion und Introspektion an den Tag zu legen. Denn da ist kaum jemand, der ihnen regelmäßig mal den Spiegel vorhält.
🇫🇷, R: Alice Diop, Trailer, Letterboxd, Foto: Agence du court métrage
Der Dokumentarfilm steht noch bis zum 01. Juni 2025 in der Arte-Mediathek:
Der Kreativriege ist hier einfach gar nichts mehr eingefallen.
Am beeindruckendsten ist, wie hilflos dieser Film ist. Der Kreativriege ist hier einfach gar nichts mehr eingefallen. Nicht einmal mehr Exkremente sind übrig geblieben, die man an die Wand werfen könnte. So wird auf dem brüchigsten aller möglichen Fundamente versucht, doch noch irgendwie einen möglichst dramatischen Bogen zu spannen. Natürlich fällt dieser Versuch in Windeseile in sich zusammen – kein ironischer Spruch und kein Needledrop dieser Welt können dieses Kind noch aus dem Brunnen retten. Deadpool und die Guardians haben in dieser Hinsicht eh schon nur noch verbrannte Erde hinterlassen.
★☆☆☆☆
🇺🇸, R: Kelly Marcel, D: Tom Hardy, Chiwetel Ejiofor, Juno Temple, Stephen Graham, Peggy Lu, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland
Entpuppt sich überraschend als Medien- und Technologiekritik
Foto: Immer Gute Filme, Mubi, Yabayay Media, Antipode Films
Für Menschen, die sich ab und an mal mit der Welt auseinandersetzen, in der sie leben, ist nichts von dem, was hier zu sehen ist, etwas Neues – auch nicht unbedingt die Drastik mancher Szenen, wenngleich sie natürlich trotzdem extrem nahegehen.
Ein palästinensischer Mann wird niedergeschossen und ist danach querschnittsgelähmt, weil er verhindern wollte, dass israelische Soldaten seinen Generator zerstören. Ein israelischer Siedler schießt im Streit mit seinem Maschinengewehr einem anderen Palästinenser in den Bauch und verletzt ihn dabei tödlich – vor den Augen untätig dabeistehender israelischer Soldaten.
Unter Anerkennung zweier maßgeblicher Umstände – des Selbstverteidigungsrechts Israels und der völkerrechtswidrigen Besatzung des Westjordanlandes durch Israel – muss man gedanklich trotzdem keine großen Verrenkungen machen, um zu erkennen, welches Unrecht hier der palästinensischen Zivilbevölkerung widerfährt.
Was hier dokumentiert wird, ist viel mehr als „nur" der seit Jahrzehnten vorherrschende Alltag im Nahostkonflikt. Vielmehr werden implizit das Versagen der internationalen Gemeinschaft und die falschen Versprechen der großen Technologiekonzerne sichtbar. Über und aus palästinensischen Gebieten wird so viel gefilmt, gepostet, gestreamt, geschrieben, getwittert, gebloggt wie noch nie zuvor. Aber es juckt einfach nicht, die Bilder rauschen so schnell an uns vorbei, wie sie ins Netz gelangt sind – oder sie erreichen uns erst gar nicht, weil sie nicht durch die Mauern des algorithmischen Gefängnisses dringen können. Hinter denen ist irgendwie jede:r ein bisschen gefangen, der:die nicht chronisch online ist und sich deshalb durch Kenntnis der Mechanismen ihrer Wirkung entziehen kann.
„Jede:r kann Sender:in werden!", war und ist eines der zentralen Versprechen des modernen Internets. Das Kleingedruckte: „Das heißt aber noch lange nicht, dass jede:r die gleiche Plattform bekommt oder überhaupt empfangen werden will."
Vom Titel ausgehend habe ich diesen Film vor allem als Appell ans Kino verstanden – als Aufforderung, sich wieder offensiver mit grundlegenden Themen und den großen Fragen des menschlichen Zusammenlebens auseinanderzusetzen, sich der Liebe zu widmen.
Denn auch die Liebe ist politisch und schmerzhaft sowieso. Manchmal blüht die Liebe genau dort auf, wo sie gar keinen fruchtbaren Boden hat, auf dem sie langfristig überleben könnte. Sie ist im selben Moment dem Tode geweiht, in dem sie aufkeimt. Manchmal kann man nicht ohneeinander, aber erst recht nicht miteinander sein.
Die Frage, ob man sich von dieser Welt und den Erwartungen anderer lösen muss, um wirklich frei sein, ehrlich einander lieben zu können, ist so drastisch und bitter wie berechtigt. Hong Sang-soo stellt sie eben nur etwas provozierend, vielleicht sogar in transgressiver Absicht.
★★★★☆
🇰🇷/🇫🇷, R: Hong Sang-soo, D: Kim Sang-kyung, Lee Ki-woo, Uhm Ji-won, Lee Kyung-jin, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: mk2 Films
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
Recommendations
Shelfd
Keine Zeit für schlechte Streams. Bei Shelfd findet ihr jede Woche handverlesene Empfehlungen und Kolumnen – von echten Menschen, nicht vom Algorithmus.