Im auch für Nicht-Jurist*innen wie mich immer wieder bereichernden Verfassungsblog schreibt Straf- und Völkerrechtler Christoph Safferling ausführlich über die Entwicklung des deutschen Strafrechts nach den Nazis.
Spätsommer 1951, Bonn: Das Bundesjustizministerium legt dem Bundestag seinen Entwurf für ein neues Staatsschutzstrafrecht vor, formuliert von Juristen, die einst für das NS-Regime arbeiteten. Der Kalte Krieg liefert den Anlass, die alten Konzepte zurückzuholen. Schon damals zeigt sich, wie im Namen der Sicherheit Strafgesetze gezielt genutzt werden können, um politische Gegner zu delegitimieren und die Kontrolle über gesellschaftliche Entwicklungen zu sichern.
Der gesamte Text führt noch einmal aus rechtsgeschichtlicher Sicht vor Augen, auf was für einem dünnen Fundament die Bundesrepublik eigentlich gegründet wurde. In meinem Fach würde man sagen: Das war ganz schön mit der heißen Nadel gestrickt. Auch „hemdsärmelig" ist ein Wort, das mir dazu einfallen würde.
Aber nur, weil wir damals™ offenbar ein paar Kugeln entgangen sind, heißt das nicht, dass wir über den Berg sind. Ganz im Gegenteil, es ist so wichtig wie schon sehr lange nicht mehr, sich gegen autoritäre Strömungen in Gesellschaft und Politik aufzulehnen und für demokratische Prinzipien einzustehen.
Der politische Meinungsaustausch darf nicht vorschnell unter strafrechtlichen Generalverdacht gestellt werden. Wie schnell Strafrecht ideologisiert und zu politischen Zwecken missbraucht werden kann, zeigt der Blick in unsere eigene Nachkriegsgeschichte und die Auswüchse der Kommunistenverfolgung.
Strafrecht bleibt ein scharfes Schwert und schon die Drohung mit seinen Mitteln schüchtert ein. Es ist gerade deshalb attraktiv für autoritäre Populisten zur Absicherung von Macht. Demokratie aber lebt von Vielfalt, Argumenten und Überzeugungen. Der Ruf nach dem Strafrecht muss, bei aller berechtigter Sorge um die Sicherheit, immer ultima ratio bleiben.
Vor dem Gesetzestext mögen in einem demokratischen Staat alle gleich sein. Aber sobald der Mensch ins Spiel kommt, wird es diffus.
Foto: 24 Bilder
Ein ziemlich verdichtetes Werk, das sehr vielen Aspekten gerecht werden will, sich damit ein bisschen übernimmt und trotzdem spannende Komplexität erreicht.
Letztlich dreht sich hier alles um Schuld, Sühne, Rache und Vergebung vor dem Hintergrund der Menschenwürde. Der Film versucht, unser Verhältnis dazu auf die Probe zu stellen. Denn dahingehend abstrakt argumentieren können vermutlich die meisten Menschen – oder bilden sich das wenigstens ein. Doch wie steht es um vermeintliche Grundüberzeugungen, wenn man selbst die Rolle wechselt – von Beobachter*in zu Akteur*in?
Der Film treibt ein (Macht-)Spiel mit dem Projizieren eigener Schuldgefühle und eigener Unzulänglichkeiten auf andere. Das sowieso schon bestehende Machtgefälle wird regelrecht potenziert, weil sich die Macht plötzlich als hilfreiches Werkzeug der Verdrängung und Verarbeitung anbietet – jedoch auf Kosten der Menschenwürde.
Vor dem Gesetzestext mögen in einem demokratischen Staat alle gleich sein. Aber sobald der Mensch ins Spiel kommt, wird es diffus.
★★★½☆
🇩🇰/🇫🇷/🇸🇪, R: Gustav Möller, D: Sidse Babett Knudsen, Sebastian Bull, Dar Salim, Marina Bouras, Olaf Johannessen, Jacob Ulrik Lohmann, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: 24 Bilder
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Harry Dean Stantons persönlichem Hype-Man, Schrödingers Katze im Duffer-Sack und dem Versagerfilm AMERICAN HUSTLE
Mehr als sieben Stunden Gespräch mit Wim Wenders hat die Zeit am Donnerstag in ihrem Podcast Alles gesagt? veröffentlicht. Die allergrößten Hoffnungen hatte ich nicht, nachdem Jochen Wegner in der Ausgabe mit Thomas Ostermeier, dem künstlerischen Leiter der Schaubühne Berlin, Lars Eidinger sinngemäß in den Olymp der deutschen Schauspielkunst gehoben hat und dabei Film explizit mitmeinte 😅
Ich hab's mir natürlich trotzdem komplett gegeben. Sehr biografische sieben Stunden waren das, denn Jochen Wegner und Christoph Amend haben Wenders einfach sehr viel reden lassen – und das kann er am laufenden Band. Natürlich kann das durchaus auch dem Umstand geschuldet sein kann, dass die Folge am 80. Geburtstag von Wenders veröffentlicht und sicherlich auch vor diesem Hintergrund angerührt wurde.
Vier Dinge haben mir besonders gefallen:
Claire Denis war vor ihrer eigenen Karriere als Filmemacherin Regieassistentin von Wim Wenders und hat ihm mit ihrem kühlen Kopf gleich mehrfach den Hintern gerettet.
Harry Dean Stanton war davon überzeugt, seiner Rolle in PARIS, TEXAS (1984) nicht gewachsen zu sein. Also hat er sich mit Zustimmung von Wenders einen jüngeren Schauspieler mit ans Set geholt, dessen einzige Aufgabe es war, ihm gut zuzureden.
„Es ist toll, wenn man fertig ist, loslassen kann und weiß: Das gehört jetzt jemand anderem." - Wim Wenders 🤝 mein Verständnis von Kunst.
Wie Wenders Zweck und Arbeit seiner Stiftung beschreibt, was auf dem Verständnis fußt, dass die Filme eben denjenigen gehören, denen sie etwas bedeuten, und nicht mehr Wenders selbst.
Die (Almost) Dialies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
Ex-Cutterin Janis fasst in einem Video in aller Ruhe zusammen, welchen Stellenwert Cutter:innen im derzeitigen Creator:innen-Kosmos haben, wie sie ausgebeutet werden und wie wahnsinnig unprofessionell anscheinend große Namen der Szene unterwegs sind.
Es fällt mir schwer, das nicht als System zu bezeichnen. Dass die alle sinngemäß mit Streams im Kinderzimmer großgeworden und nicht aus dem Mutterleib direkt ins BWL-Studium gefallen sind, will ich gar nicht in Abrede stellen. Unternehmensführung ist außerdem eher kein Bestandteil von Muttermilch. Aber wir sprechen hier teilweise von Menschen, die heute Multimillionär:innen sind und von professionellen Managements vertreten werden. In dieser komfortablen Lage sein Business nicht im Griff zu haben – und wenn es durch das Delegieren an Menschen, die das können, ist –, wirkt vorsätzlich.
Ohne Cutter und Cutterin ohne Thumbnail Artist, ohne Leute, die Skripte schreiben, funktioniert das auch alles nicht. Also, es sind wichtige Menschen in dieser Branche und die dürfen nicht wie Scheiße behandelt werden.
Auch die Zeit hat aufgrund aktueller Ereignisse mit ein paar Menschen aus der Szene gesprochen.
(Ich linke hier bewusst nicht auf Videos und Posts von konkret Betroffenen und Angeschuldigten. Viel von dem, was ich bisher gesehen habe, sollte meiner Meinung nach in dieser Form nicht öffentlich ausgetragen werden. Auf systemische Missstände aufmerksam machen? Unbedingt! Sich mit Banalitäten in Schlammschlachtnähe zu begeben? Kindergarten...)
It’s 2050 and a teen girl is torrenting a .tar.gz file of all the consciousnesses of all the tech bros who uploaded themselves into the cloud in a bid for immortality and modding them into The Sims 4
Musste gestern kurz beruflich noch mal einen kurzen Blick auf die Eckdaten von AMERICAN HUSTLE werfen. Für zehn Oscars nominiert zu sein und keinen einzigen zu gewinnen, muss man auch erst mal schaffen 😄
Das ist sehr lustig, weil die Duffers bisher nicht mehr als genau eine Staffel okayes Fernsehen gemacht haben. Paramount sieht nur den Stranger-Things-Hype und kauft Schrödingers Katze im Sack. Und dann wundern sich wieder alle, warum nur Schund bei rumkommt, obwohl man gottlose Mengen Geld draufgeschmissen hat. Die Russos lassen grüßen.
News: Stranger Things creators the Duffers made their choice: They’re leaving Netflix for Paramount. The theatrical film component was the dealbreaker, per sources.
Weil offenbar alles ganz oder gar nicht sein muss, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden, fragt das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus: „Ist die deutsche Filmbranche am Ende?"
Für achteinhalb Minuten Beitragslänge ist das natürlich eine viele zu groß gestellte Frage. Das finden auch die Kolleg:innen von Crew United in ihrem Branchennewsletter von dieser Woche.
Wichtiges Detail:
Was nicht berichtet wird: Die Öffentlich-Rechtlichen machen dabei mit und lassen Auftragsproduktionen im Ausland drehen. Und nicht nur die Steuersätze sind ein Anreiz zur Produktionsflucht, sondern auch Billiglöhne und dehnbare Arbeitszeiten.
Gabriele Walther, Produzentin bei Calagari-Film, hat sich inmitten des brachliegenden Marktes dennoch etwas Galgenhumor bewahrt:
Ökonomisch interessanter ist es, ein Parkhaus zu haben.
Ex-Cutterin Janis fasst in einem Video in aller Ruhe zusammen, welchen Stellenwert Cutter*innen im derzeitigen Creator*innen-Kosmos haben, wie sie ausgebeutet werden und wie wahnsinnig unprofessionell anscheinend große Namen der Szene unterwegs sind.
Es fällt mir schwer, das nicht als System zu bezeichnen. Dass die alle sinngemäß mit Streams im Kinderzimmer großgeworden und nicht aus dem Mutterleib direkt ins BWL-Studium gefallen sind, will ich gar nicht in Abrede stellen. Unternehmensführung ist außerdem eher kein Bestandteil von Muttermilch. Aber wir sprechen hier teilweise von Menschen, die heute Multimillionär*innen sind und von professionellen Managements vertreten werden. In dieser komfortablen Lage sein Business nicht im Griff zu haben – und wenn es durch das Delegieren an Menschen, die das können, ist –, wirkt vorsätzlich.
Ohne Cutter und Cutterin ohne Thumbnail Artist, ohne Leute, die Skripte schreiben, funktioniert das auch alles nicht. Also, es sind wichtige Menschen in dieser Branche und die dürfen nicht wie Scheiße behandelt werden.
Auch die Zeit hat aufgrund aktueller Ereignisse mit ein paar Menschen aus der Szene gesprochen.
(Ich linke hier bewusst nicht auf Videos und Posts von konkret Betroffenen und Angeschuldigten. Viel von dem, was ich bisher gesehen habe, sollte meiner Meinung nach in dieser Form nicht öffentlich ausgetragen werden. Auf systemische Missstände aufmerksam machen? Unbedingt! Sich mit Banalitäten in Schlammschlachtnähe zu begeben? Kindergarten...)
Weil offenbar alles ganz oder gar nicht sein muss, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden, fragt das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus: „Ist die deutsche Filmbranche am Ende?"
Für achteinhalb Minuten Beitragslänge ist das natürlich eine viele zu groß gestellte Frage. Das finden auch die Kolleg*innen von Crew United in ihrem Branchennewsletter von dieser Woche.
Wichtiges Detail:
Was nicht berichtet wird: Die Öffentlich-Rechtlichen machen dabei mit und lassen Auftragsproduktionen im Ausland drehen. Und nicht nur die Steuersätze sind ein Anreiz zur Produktionsflucht, sondern auch Billiglöhne und dehnbare Arbeitszeiten.
Gabriele Walther, Produzentin bei Calagari-Film, hat sich inmitten des brachliegenden Marktes dennoch etwas Galgenhumor bewahrt:
Ökonomisch interessanter ist es, ein Parkhaus zu haben.
Mehr als sieben Stunden Gespräch mit Wim Wenders hat die Zeit am Donnerstag in ihrem Podcast Alles gesagt? veröffentlicht. Die allergrößten Hoffnungen hatte ich nicht, nachdem Jochen Wegner in der Ausgabe mit Thomas Ostermeier, dem künstlerischen Leiter der Schaubühne Berlin, Lars Eidinger sinngemäß in den Olymp der deutschen Schauspielkunst gehoben hat und dabei Film explizit mitmeinte 😅
Ich hab's mir natürlich trotzdem komplett gegeben. Sehr biografische sieben Stunden waren das, denn Jochen Wegner und Christoph Amend haben Wenders einfach sehr viel reden lassen – und das kann er am laufenden Band. Natürlich kann das durchaus auch dem Umstand geschuldet sein kann, dass die Folge am 80. Geburtstag von Wenders veröffentlicht und sicherlich auch vor diesem Hintergrund angerührt wurde.
Vier Dinge haben mir besonders gefallen:
Claire Denis war vor ihrer eigenen Karriere als Filmemacherin Regieassistentin von Wim Wenders und hat ihm mit ihrem kühlen Kopf gleich mehrfach den Hintern gerettet.
Harry Dean Stanton war davon überzeugt, seiner Rolle in PARIS, TEXAS (1984) nicht gewachsen zu sein. Also hat er sich mit Zustimmung von Wenders einen jüngeren Schauspieler mit ans Set geholt, dessen einzige Aufgabe es war, ihm gut zuzureden.
„Es ist toll, wenn man fertig ist, loslassen kann und weiß: Das gehört jetzt jemand anderem." - Wim Wenders 🤝 mein Verständnis von Kunst.
Wie Wenders Zweck und Arbeit seiner Stiftung beschreibt, was auf dem Verständnis fußt, dass die Filme eben denjenigen gehören, denen sie etwas bedeuten, und nicht mehr Wenders selbst.
Die heutigen Dailies unter anderem mit: „Twin Peaks“ für umme, Spielepodcasts und roten Linien
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