Spannend zu sehen, wie sehr Cronenberg 1969 schon Themen vorgreift und beackert, die uns auch heute noch beschäftigen.
Foto: Emergent Films
Spannend ist es schon zu sehen, wie sehr Cronenberg 1969 schon Themen vorgreift und beackert, die uns auch heute noch beschäftigen.
Er stellt die Frage, wie viel von unserem Verhalten nur soziale Konstruktion ist und stellt dabei die Macht der Sprache zur Debatte. Dass Sprache auch Realität schafft, ist klar. Aber hier geht es auch darum, ob wir bestimmte Rollenzuschreibungen und Verhaltensmuster nur an den Tag legen, weil wir mit unserer Sprache nicht dazu in der Lage sind, die zugrunde liegenden Komplexitäten adäquat abzubilden.
Und ist es vielleicht ausgerechnet diese Unzulänglichkeit der Sprache wiederum genau das, was uns davon abhält, wahnsinnig zu werden, uns gegenseitig zu zerfleischen? Was unsere inneren psychischen Abgründe in Schach hält?
So interessant das alles ist, so wenig tut der Film jedoch dafür, das auch mit filmischen Mitteln zu transportieren und zu unterstreichen. Durch das permanente Voiceover wird eine Behauptung nach der anderen aufgestellt, die auf der Bildebene jedoch nie wirklich hergeleitet oder doppelbödig impliziert werden. Da verpufft ganz schön viel im Nichts.
🇨🇦, R: David Cronenberg, D: Ronald Mlodzik, Jack Messinger, Iain Ewing, Clara Mayer, Paul Mulholland, Arlene Mlodzik, Glenn McCauley, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Emergent Films
First things first, eine Hausmitteilung: Ich habe zusammengefasst, welche Philosophie ich hier im Blog verfolge, wie und wo ich meine Inhalte überall ablade und warum es mir dann doch wieder nicht so wichtig ist, wie breit sie überhaupt rezipiert werden.
Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
Weil Guillermo del Toros FRANKENSTEIN mittlerweile in Venedig uraufgeführt wurde, im Oktober in die Kinos kommt und ab 07. November dann schon bei Netflix streamt (Shame!), lohnt es sich vielleicht, mal (wieder) einen Blick auf Mary Shelleys literarische Vorlage zu werfen.
Von wegen Rente... Gert Scobel macht nach dem Ende seiner 3sat-Sendung weiter – und zwar auf Youtube!
Spannendes Urteil. Das greift das Problem natürlich nicht an der Wurzel. Denn offenkundig ist Manfred Lehmanns Stimme ohne seine Zustimmung und ohne Vergütung in einem KI-Trainingssatz gelandet. Aber immerhin...
Das Landgericht Berlin hat ein wegweisendes Urteil gefällt: Synchronstimmen dürften nicht mithilfe von KI imitiert und für kommerzielle Zwecke genutzt werden. Geklagt hatte Manfred Lehmann, die deutsche Stimme von Bruce Willis, Gérard Depardieu und Kurt Russel.
Ein Youtuber hatte mithilfe einer KI Lehmanns Stimme ohne dessen Einwilligung nachgeahmt und für zwei Videos genutzt. Das Gericht sah darin eine Verletzung in Lehmanns Persönlichkeitsrechten, zu denen auch das Recht an der eigenen Stimme zähle.
Werner Herzog hat übrigens nicht nur einen Film über Dieter Dengler gemacht. Auch Juliane Koepcke ist über den Regenwald abgestürzt und hat überlebt. Auch mit ihr kehrt Werner Herzg zurück an den Schicksalsort. Studiocanal hat den Film in Gänze auf Youtube gestellt.
Spike Lee erfindet Akira Kurosawa neu in der politischen Realität des New Yorks von heute.
Foto: Apple TV+
Der absolute Swagger dieses Films ist total over the top, dadurch aber nicht weniger verführerisch. Das Tempo, das Timing, der Rhythmus, den Spike Lee hier mitbringt, versucht nicht einfach nur plump das große filmische Vorbild von Akira Kurosawa zu imitieren. Es werden trotz zahlreicher Anspielungen und Zitate wirklich eigene Akzente gesetzt.
Spike Lee findet einen eigenen Rhythmus, mit dem er sich in der Textästhetik dem Rap annähert. Den Dialogen, den Wortgefechten haftet schon etwas Lyrisches an, wie es auch im Rap und Hip-Hop zu finden ist. Das funktioniert natürlich besonders gut wie hier eingebettet in die bei Spike Lee zahlreichen obligatorischen Liebeserklärungen an New York City – niemals aufdringlich, aber immer präsent durch ein gelungen angelegtes Zusammenspiel.
Lee behält sich also stets seine individuelle Perspektive. Die Kreuzungen im Film, an denen er in eine andere Richtung als Kurosawa abbiegt, sind nicht verzweifeltes Bemühen um Distinktion. Sie sind ein notwendiger Perspektivwechsel hinsichtlich der politischen Realitäten unserer Welt.
Teil dieser Realität ist es nun mal, dass die Polizei einem Schwarzen Menschen tendenziell nicht zuhört, ihm nicht glaubt, sich nicht auf seiner Seite versteht und die eigenen Vorurteile nicht überwinden kann. Also ist es nur folgerichtig, dass die Betroffenen sich alleine-, zurück- und verlassen fühlen und deshalb die Dinge selbst in die Hand nehmen. Weil nur das zum Ziel, zur Gerechtigkeit führt.
Doch auch das lässt Spike Lee nicht zu einer verklärten Emanzipationsgeschichte verkommen. Denn zu unserer und der Realität des Films gehört eben auch, dass all das innerhalb eines rassistischen, ausbeuterischen und unterdrückerischen Systems passiert. Unterm Strich sind hier zwei Schwarze Menschen dazu verdammt, gegeneinander zu kämpfen. Gewinnen kann nur einer. Dieses Infighting ist kein Bug, sondern ein Feature des Systems. Denn damit können die Unterdrücker:innen weiter ihre Macht absichern.
★★★½☆
🇺🇸/🇯🇵, R: Spike Lee, D: Denzel Washington, Jeffrey Wright, Ilfenesh Hadera, Elijah Wright, Aubrey Joseph, A$AP Rocky, John Douglas Thompson, LaChanze, Dean Winters, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Apple TV+
Eine super spannende Konstruktion, die durch das unablässige Klammern an Freud nie ihr gesamtes Potenzial entfalten kann.
Foto: Capitol Films, Davis Films Production, Artists Independent Productions, CBL
Direkt zu Beginn kam es mir als flüchtiger Gedanke, aber dann behielt der irgendwie bis zum Ende des Films seine Gültigkeit: Es wirkt, als ob wir dieser Figur dabei zusehen, wie sie nicht tatsächlich in ein Wohnheim für Menschen mit psychischen Erkrankungen, sondern in Wahrheit ein Zimmer in ihrer eigenen Psyche bezieht. Das Haus an sich existiert gar nicht in der echten Welt, sondern ist nur Manifestation einer weiteren Geistesschachtel des Protagonisten.
In dieser Schachtel findet und öffnet er weitere Schachteln, begegnet nicht seinen Mitbewohnern, sondern verschiedensten abgespaltenen Facetten seiner selbst, die er wie ein Puzzle wieder versucht zusammenzusetzen.
Diese Konstruktion, dieses Bild von der Psyche als verschachtelte Dimensionen, das hat mir schon sehr gefallen. Doch wie sehr Cronenberg die Geschichte im Freudianischen verhaftet lässt, macht dann für mich wieder einiges zunichte. Das wird dem offenkundig komplexen Trauma des Protagonisten nicht gerecht, sondern wirkt unterm Strich doch eher einfältig.
★★★☆☆
🇫🇷/🇬🇧/🇨🇦, R: David Cronenberg, D: Ralph Fiennes, Miranda Richardson, Gabriel Byrne, Lynn Redgrave, John Neville, Gary Reineke, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Capitol Films, Davis Films Production, Artists Independent Productions, CBL
Ein Mensch scheint nur ein Mensch, sofern er substanziell zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt.
Foto: Toho, Kurosawa Production
Überrascht? Nein, nicht unbedingt. Aber schwer beeindruckt und ein bisschen sprachlos bin ich schon ob dessen, wie leichtfüßig Kurosawa hier aus der feudalen „Komfortzone" mitten ins japanische Wirtschaftswunder springt und dabei nichts an messerscharfer Beobachtungsgabe hinsichtlich der Rolle des Individuums in der Gesellschaft einbüßt. Bild, Schnitt, Wort – hier sitzt einfach alles. Schuld, Sühne, Vergebung, Intrigen und Machtkämpfe machen diese Geschichte von Shakespearscher Tragweite aus.
Wo verläuft die Grenze, ab deren Übertreten das Kapital die Moral als Basis menschlichen Handelns komplett ersetzt? Kann sich der Mensch als Zahnrad im großindustriellen Getriebe seine Menschlichkeit bewahren, oder wird er eins mit der Maschine? Gibt es ein Ausbrechen aus diesem Gefüge oder bleibt der Mensch bis zum Tod dazu verdammt, seine Runden für die Profite anderer zu drehen?
Ein Leben außerhalb des Systems ist zwar weiterhin möglich, aber zu welchem Preis? Die politischen Prioritäten ergeben sich bei Kurosawa aus dem Umstand, für wen hier immense öffentliche Ressourcen aufgewendet werden und für wen eben nicht. Der Geschäftsmann darf sich freuen. Nicht nur fällt er unterm Strich ziemlich weich, auch das gesamte Polizeirevier hat sich ihm aus fehlgeleitetem Schuldgefühl zuvor gewissermaßen unterworfen. Für die völlig verarmten und in die Heroinsucht getriebenen Menschen interessiert sich jedoch niemand mehr.
Jede*r ist ihres*seines Glückes Schmied. Ein Mensch scheint nur ein Mensch, sofern er substanziell zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Die unweigerliche Konsequenz ist, dass das wirklich Gute im Menschen ausradiert wird und es nur noch um Ästhetik geht – Hauptsache, der Schein einer Moral kann aufrechterhalten werden. Wer das nicht schafft oder nicht mitspielen will, offenbart letztlich die Scheinheiligkeit der anderen und wird deshalb ausgestoßen, damit niemand mit dem Finger auf die Bigotteria zeigen kann.
Eine Verschränkung von toxischer und hegemonialer Männlichkeit mit imperialistischer Haltung und Politik.
Dieser Mann ist durch nichts zu beirren – selbst, wenn ihm offen dargelegt wird, dass seine Entscheidungen und Handlungen ihn direkt in den Abgrund führen werden. Er scheitert an seiner eigenen Hybris. Rules for thee but not for me. Er erwartet, dass sich die Welt nach seinen Regeln dreht.
Er glaubt, über den Dingen zu stehen, ist jedoch zu keinem Zeitpunkt in der Lage, die einfachsten stereotypen Denkmuster zu überwinden – selbst, wenn sie glasklar vor ihm ausgebreitet liegen –, weil er sich ausgemacht zu schlau für all das hält.
Selbst die Kunst, die eigentlich dazu in der Lage sein sollte, die Grenzen seines Denkens, Vermögens und Schaffens zu verschieben und zu erweitern, dient in seiner Wahrnehmung nur als Mittel der Rechtfertigung für das eigene Handeln.
Am Ende wird ihm der Spiegel vorgehalten und er sieht etwas, das er nicht lieben kann – weil er darin einen Mann sieht. Und er weiß aus eigener Erfahrung, wie Männer Objekte ihrer Begierde behandeln. Also entzieht er sich dem, was er im Spiegel sieht: Unterdrückung, Ausbeutung und Entmenschlichung.
Eingebettet ist all das dann aber auch in stellenweise überaus melodramatischen Kitsch, was für mich dann doch ein Abtörner war.
★★★½☆
🇺🇸, R: David Cronenberg, D: Jeremy Irons, John Lone, Barbara Sukowa, Annabel Leventon, Shizuko Hoshi, Ian Richardson, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Warner Home Video
Die heutigen Dailies unter anderem mit: „Twin Peaks“ für umme, Spielepodcasts und roten Linien
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