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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

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Posts by André Pitz

„Die Geschichte geht weiter“ – Victor Klemperers Tagebücher als Podcast

„Die Geschichte geht weiter“ – Victor Klemperers Tagebücher als Podcast
(c) Deutschlandradio

Am Tag des Wahldesasters hier in Sachsen und auch in Thüringen habe ich - zufällig, aber irgendwie auch passend - begonnen, den Podcast „Die Geschichte geht weiter“ von Deutschlandfunk Kultur zu hören. Es sind die Tagebücher von Victor Klemperer, die in den 1990er Jahren als Hörspiel vertont wurden und nun in Podcastform gegossen wurden. Für den formatgerechten Rahmen sorgt die Historikerin und Journalistin Leonie Schöler, die die jeweiligen zu hörenden Abschnitte einordnet.

Klemperer beobachtet die Unruhen der Weimarer Republik und den zunehmenden Antisemitismus. Er ist jüdischer Herkunft und konvertiert 1912 zum Protestantismus. Vor allem ist Klemperer jedoch nach eigener Aussage „Deutscher schlechthin“ – auch wenn die Nazis das anders sehen. Präzise notiert er seine Erfahrungen im Zeichen allmählicher Ausgrenzung, die zur Schikane wird und während des Nationalsozialismus in Verfolgung endet. Nach 1945 hofft Klemperer auf einen radikalen Neubeginn der jungen DDR. Die Inszenierungen der neuen Macht wecken jedoch Erinnerungen an die Zwanziger- und Dreißigerjahre – Indiz ist ihm erneut auch die missbrauchte Sprache.
Die Geschichte geht weiter - Victor Klemperers Tagebücher 1918-1959
Victor Klemperer hat in seinen Tagebüchern die großen Umbrüche notiert – von der Weimarer Republik über die Nazizeit bis zum ersten Jahrzehnt der DDR. Host und Historikerin Leonie Schöler nimmt uns mit in die Welt eines deutschen Zeitzeugen.

Gesehen: A Self-Induced Hallucination (2018)

Gesehen: A Self-Induced Hallucination (2018)
(c) Jane Schoenbrun

Diesen Found-Footage-Dokumentarfilm als Desktop-Film einzuführen, ist formal betrachtet ein ziemlich interessanter Hook – weil es die Medialität des Gezeigten noch einmal hervorhebt und einen zusätzlichen Kontrast schafft. Deshalb finde ich es ziemlich schade, dass über diesen anfänglichen Hook hinaus nichts mehr versucht wird.

Davon abgesehen bedient sich Schoenbrun einer letztlich uralten KulturTechnik, indem sie bestehende Inhalte und Bilder kuratiert, so zueinander in neue Beziehung setzt, Kontext schafft und neue Kontrastierungen ermöglicht. Nur hat sich die Nutzung dieser Kulturtechnik im digitalen Zeitalter verlagert. Heute sind es Reposts, Newsletter, (immer noch und schon wieder) Blogger*innen, Youtuber*innen usw., durch die coole Inhalte einem größeren Publikum sichtbar gemacht werden.

Diese Gleichzeitigkeit von althergebrachter und hochmoderner KulturTechnik ist das, was A SELF-INDUCED HALLUCINATION für mich interessant macht.

US, R: Jane Schoenbrun, Trailer, Wikipedia

(Jane Schoenbruns Meinung zur Verfügbarkeit des Films.)

Gesehen: Trap (2024)

Gesehen: Trap (2024)
(c) Warner Bros. Entertainment

Sicherlich ließe sich irgendwo ganz tief drin die in oder andere Beobachtung zu obsessivem Verhalten, zur völlig distanzlosen Idolisierung und Überhöhung sogenannter Stars und der kultartigen Verehrung dieser oder zur immer weiter fortschreitenden Selbstaufgabe bis die eigene Identität gänzlich aus Fantum besteht, ausgraben. Aber dann macht Shyamalan, was Shyamalan eben so macht: sich mit einem über die Maßen faulen Drehbuch zufriedengeben. TRAP ist weder eine vielschichtige noch eine spannende Konstruktion. Der Film scheint viel mehr der Versuch, die Ambiguitätstoleranz seines Publikums so weit wie möglich zu überspannen.

Dazu sind die Motive des Mutterkomplexes und der Zwangsstörung einfach komplett aus der Zeit gefallen – und zwar aus sehr guten Gründen. Wer die Lebensrealität psychisch erkrankter Menschen als cooles Plot Device für die Geschichte eines Serienmörders und nichts anderes benutzt, keine Grautöne und Ambivalenzen erzeugt, der trägt unverhohlen zur Stigmatisierung Betroffener bei.

★★☆☆☆

US, R: M. Night Shyamalan, D: Josh Hartnett, Ariel Donoghue, Saleka, Alison Pill, Hayley Mills, Jonathan Langdon, Trailer, Wikipedia
Trap: No Way Out - Stream: Jetzt Film online anschauen
Finde heraus, wie und wo du “Trap: No Way Out” heute auf Netflix, Prime Video & Co. sehen kannst – einschließlich kostenloser Streams.

Gesehen: I Saw the TV Glow (2024)

Gesehen: I Saw the TV Glow (2024)
(c) Stage 6 Films

Nach WE’RE ALL GOING TO THE WORLD’S FAIR konnte ich noch nicht so richtig in Worte fassen, was mich an Jane Schoenbruns Art und Weise des Filmemachens so fasziniert. Aber hiernach war es mir plötzlich glasklar: Schoenbrun verweigert komplett der Rezeptionsgeschichte anderer Filme, Serien, Musik oder Erzählmustern. Schoenbrun kann nicht gegen den Strich bürsten, als trashig wahrgenommene Elemente ironisch einsetzen oder mit Nostalgie verklären, weil Schoenbrun nicht auf diesen Ebenen arbeitet. Schoenbrun behält sich einen wertfreien Blick auf all diese Werkzeuge und nutzt sie völlig losgelöst von den Zuschreibungen anderer. Genau deshalb wirken Schoenbruns Filme auf mich so anders und so frisch.

Ein bisschen musste ich an Xavier Dolan denken, der etwa völlig unironisch und ohne abschätzige Perspektive O-Zones Dragostea din tei oder andere als Mainstream verschriene Tracks benutzt und es einfach funktioniert.

Sicherlich kann man dem Film vorwerfen, im Gegensatz zu WE’RE ALL GOING TO THE WORLD’S FAIR etwas kantenloser und zugänglicher zu sein, dass Schoenbrun dadurch etwas an Radikalität einbüßt. Aber ich finde, dass das I SAW THE TV GLOW letztlich keinen Abbruch tut.

Viel geholfen hat auch, mir nach WORLD’S FAIR angelesen zu haben, dass Jane Schoenbrun transfeminin und nicht-binär ist. Denn diese Lebensrealität durchdringt hier den kompletten Film. Wie muss es sich anfühlen, nicht der Mensch zu sein, den andere beschreiben, wenn sie dich ansehen? Stimmt die Welt nicht oder stimme ich nicht? Was verbirgt sich wirklich unter meiner Haut? Verbirgt sich überhaupt etwas unter meiner Haut oder bin ich längst eine leere Hülle? Auf Dysphorie folgt Dissoziation, folgt was…?

★★★★½

🇺🇸, R: Jane Schoenbrun, D: Justice Smith, Brigette Lundy-Paine, Ian Foreman, Helena Howard, Lindsey Jordan, Danielle Deadwyler, Fred Durst, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Stage 6 Films

I Saw the TV Glow - Stream: Jetzt Film online anschauen
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A ★★★★½ review of I Saw the TV Glow (2024)
Nach WE’RE ALL GOING TO THE WORLD’S FAIR konnte ich noch nicht so richtig in Worte fassen, was mich an Jane Schoenbruns Art und Weise des Filmemachens so fasziniert. Aber hiernach war es mir plötzlich glasklar: Schoenbrun verweigert komplett der Rezeptionsgeschichte anderer Filme, Serien, Musik oder Erzählmustern. Schoenbrun kann nicht gegen den Strich bürsten, als trashig wahrgenommene Elemente ironisch einsetzen oder mit Nostalgie verklären, weil Schoenbrun nicht auf diesen Ebenen arbeitet. Schoenbrun behält sich einen wertfreien Blick auf all diese Werkzeuge und nutzt sie völlig losgelöst von den Zuschreibungen anderer. Genau deshalb wirken Schoenbruns Filme auf mich so anders und

„Wenn du dich schon einmal vor einem Kunstwerk dumm gefühlt hast…“ – ein toller Newsletter über Kunst

„Wenn du dich schon einmal vor einem Kunstwerk dumm gefühlt hast…“ – ein toller Newsletter über Kunst
(c) Pauline Loroy / Unsplash

Die Kunsthistorikerin Carmen Gonzalez-Borras schreibt seit geraumer Zeit einen tollen Newsletter über Kunst(werke) und ich frage mich, warum ich den hier im Blog nicht schon viel eher mal empfohlen habe. Aber dann kam gestern eine „Marketing“-Mail für die bezahlten Memberships rein, die nochmal toll nach Hause fährt, warum ich diesen Newsletter so sehr schätze.

Gonzalez-Borras erklärt darin, was viele Menschen vom Kunstbetrieb so sehr abschreckt: unter anderem das elitäre Gehabe mancher und die Abgrenzung durch Sprache. Mit ihrem Newsletter versucht sie, genau diese Mauern einzureißen und ich finde das ganz großartig!

Manche glauben, dass Kunst „geschützt“ werden muss, damit nur eine Minderheit sie genießen kann. Dass es für die Mehrheit besser ist, sich „dumm“ zu fühlen, wenn sie vor einem Text oder einem Kunstwerk steht.

So sind viele Menschen davon überzeugt, dass Kunst etwas für eine Elite ist.

Und weiter:

Es ist leicht, dich frei zu fühlen, deine Meinung zu äußern, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen und attraktiver auf deine Freunde zu wirken. Ich versichere dir, dass du genauso das Recht hast, Kunst zu genießen, wie jeder andere auch. Lass nicht zu, dass andere dir dein Stück vom Kuchen wegnehmen.

Denn Kunst wurde nicht für einige wenige gemacht, sondern damit auch du sie genießen kannst. Lass dich nicht ausschließen, nur weil andere das so entscheiden.
Keine Angst vor Kunst
Vielleicht willst du keine Angst mehr haben, deine Meinung zu sagen. Vielleicht möchtest du mitmachen.

Gesehen: Innocence (2004)

Gesehen: Innocence (2004)
(c) Mubi

Lucile Hadzihalilovic führt mit diesem isolierten Ort, an dem nur Mädchen und Frauen leben, zunächst an der Nase herum. Es wirkt wie ein Ort der Schwesternschaft, an dem sich Mädchen gegenseitig unterstützen, von den Frauen lernen und sich keine Sorgen über übergriffige Männer machen müssen.

Doch an dieser Oberfläche werden schnell Brüche klar, durch die das Autoritäre in immer größer werdenden Mengen an aus dem Inneren heraus quillt. Die Mädchen erhalten je nach Alter eine andersfarbige Schleife für ihr Haar, aus denen bereits ein unausgesprochenes Machtgefälle erwächst und unbewusst eine Hierarchie eingezogen wird. Wer sich den Regeln nicht beugen will, wird drakonisch bestraft. Und warum sind die Regeln so, wie sie sind? Eben darum. Hier wird nicht gelernt, füreinander da zu sein, sondern repressive Strukturen nicht zu hinterfragen und so ohne Widerrede hinzunehmen. Ein Bootcamp für das Leben im Patriarchat.

★★★★☆

🇧🇪/🇫🇷/🇯🇵/🇬🇧, R: Lucile Hadzihalilovic, D: Zoé Auclair, Lea Bridarolli, Bérangère Haubruge, Marion Cotillard, Hélène de Fougerolles, Olga Peytavi-Müller, Alisson Lalieux, Anna Palomo-Díaz, Astrid Homme, Joséphine Van Wambeke, Corinne Marchand, Trailer, Letterboxd, Wikipedia

Innocence - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
Finde heraus, wie und wo du “Innocence” heute auf Netflix, Prime Video, Disney+ & Co. online sehen kannst – einschließlich 4K und kostenloser Optionen.
A ★★★★ review of Innocence (2004)
Lucile Hadzihalilovic führt mit diesem isolierten Ort, an dem nur Mädchen und Frauen leben, zunächst an der Nase herum. Es wirkt wie ein Ort der Schwesternschaft, an dem sich Mädchen gegenseitig unterstützen, von den Frauen lernen und sich keine Sorgen über übergriffige Männer machen müssen. Doch an dieser Oberfläche werden schnell Brüche klar, durch die das Autoritäre in immer größer werdenden Mengen an aus dem Inneren heraus quillt. Die Mädchen erhalten je nach Alter eine andersfarbige Schleife für ihr Haar, aus denen bereits ein unausgesprochenes Machtgefälle erwächst und unbewusst eine Hierarchie eingezogen wird. Wer sich den Regeln nicht beugen will,