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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

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Posts by André Pitz

Opernbesuch: Der fliegende Holländer (Leipzig, 2024)

Opernbesuch: Der fliegende Holländer (Leipzig, 2024)

Wunderbar modern lässt sich Michiel Dijkemas Inszenierung von Richard Wagners Der fliegende Holländer lesen. So sind die über die Ewigkeiten angesammelten Schätze des Holländers hier im Inneren eines gestrandeten Wals zu finden, aus dem sich sie Seemänner dann bedienen. Es ist, als ob der Holländer die Natur bis aufs Letzte ausgebeutet hat, nun endlich sterben und die sinnbildliche Sintflut hinter sich hereinbrechen lassen will, aber stattdessen auf ewig mit seiner eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert in einer untoten Zwischenwelt schmoren muss.

Dann die Figur der Senta, die auf der Bühne ihre eigene und damit auch die Emanzipation der Frau verhandelt. Sie will die Liebe nach eigenen Regeln erfahren und sich von jeglicher Fremdbestimmung lossagen. Sie verliebt sich in die vage Idee des Holländers, in ein letztlich von ihr selbst konstruiertes Ideal. Und dann schlägt sie auf dem harten Boden der Realität auf, wird vom Holländer für dessen ganz eigennützigen Zwecke manipuliert und missbraucht.

Der Jäger Erik ist fast schon ein Incel, wie er im Buche steht. Er erhebt Anspruch auf Senta und ihre Liebe, weil er immer nett zu ihr war und sie auch mal zu ihm. Er interpretiert eine zufällige, unschuldige Berührung als wortlose Versicherung der gegenseitigen Liebe.

Jede dieser drei Figuren lässt sich als vortrefflich vor der Kulisse unserer Realität lesen.

Apropos Kulisse: Die hat mir bei dieser Inszenierung wirklich gut gefallen. Es war toll, wie hier durch den parallelen Einsatz von extrem kaltem und extrem warmem Licht Spannung und Stimmung im Dienste der Figuren erzeugt wurde. Sowieso passiert angenehm viel in der Vertikalen und nicht nur von links nach rechts oder andersherum. Zwei Akte lang war ich zudem fasziniert davon, wie mir durch den Einsatz höhenverstellbarer Leinwände, der teilweise absenkbaren Bühne und clever angeleuchteten Nebel komplett das Gefühl für die tatsächliche Tiefe des Bühnenraums genommen wurde. Denn das ist das denkbar beste Fundament für den dritten Akt, in dem das Schiff des Holländers mit seinen Masten plötzlich über den Bühnenrand bis übers Publikum hinaus fährt und damit in seiner visuellen und räumlichen Wucht alle Sinne vereinnahmt.

Zur Qualität des Gesangs kann ich wenig sagen, ich kenne mich da einfach nicht auf. Unterm Strich erschien mir Ólafur Sigurdarson in der Rolle des Holländers sehr farblos, irgendwie ohne eigene Stimme. Martina Welschenbach hat der Senta hingegen richtig schön viel Profil verliehen.

P.S.: Die Entscheidung, die Inszenierung durch die Projektion einzelner Passagen aus Heinrich Heines Memoiren des Herren von Schnabelewopski „anzudicken“, halte ich für einen Fehler. Denn sie gipfelt darin, dass im letzten Akt „Die Moral des Stückes ist für die Frauen, daß sie sich in acht nehmen müssen, keinen Fliegenden Holländer zu heuraten; und wir Männer ersehen aus diesem Stücke, wie wir durch die Weiber, im günstigsten Falle, zugrunde gehn.“ groß auf einer Leinwand zu lesen ist. Schreibt das meinetwegen ins Programmheft oder platziert es als Denkangebot in der Einführung. Aber auf der Bühne kommt mir das mindestens einengend und bevormundend vor. Selbst, wenn ich am Ende zum gleichen Schluss komme, schiebt sich diese wortwörtlich plakative Aussage störend vor die Kunst.

Gesehen: The Watchers (2024)

Gesehen: The Watchers (2024)
(c) Warner Bros. Entertainment

Der Film ist einfach nicht zu mir durchgedrungen – auf keiner Ebene.

Seine Betrachtung vom Publikum als Horror ist nur wenig konsequent. Das dichotome Verhalten des Publikums als Menge, die eine künstlich hergestellte Situation als lebensnah wahrnehmen will und sie gleichzeitig aber eben auch als Spiel mit Regeln zu durchblicken glaubt, das wird zwar angelegt, aber letztlich nicht konsequent genug verfolgt. Vieles bleibt einfach liegen.

Den Film im letzten Akt noch in eine Art Folk-Horror kippen zu lassen, zieht den Karren auch nicht mehr aus dem Dreck und geht auch nicht wirklich auf. Folk-Horror basiert doch letztlich auf Geschichten, die sich die Menschheit (zumindest in der Realität des Films) schon ewig erzählt. Hier ist es irgendein randständiger Forscher, dessen Arbeit keinen breiten Anschluss gefunden haben zu scheint. Der Film tut praktisch nichts dafür, das für Folk-Horror absolut notwendige Fundament vorzubereiten und muss am Ende das Unbehagen behaupten, weil es kaum nachvollzogen werden kann.

★½☆☆☆

US, R: Ishana Night Shyamalan, D: Dakota Fanning, Georgina Campbell, Olwen Fouéré, Oliver Finnegan, Alistair Brammer, John Lynch, Trailer, Wikipedia
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Die taz stampft ihre werktägliche Printausgabe ein

Die taz stampft ihre werktägliche Printausgabe ein
(c) Roman Kraft / Unsplash
Nun ist es raus: Die letzte auf Papier gedruckte werktägliche Ausgabe der taz erscheint am 17.10.2025. Auf der Generalversammlung der taz Verlagsgenossenschaft im Berliner Festsaal Kreuzberg verkündete die Geschäftsführung der taz am Samstag den Zeitpunkt der sogenannten „Seitenwende“ für die seit 1979 täglich erscheinende Tageszeitung aus Berlin.
taz-Genossen stimmen „Seitenwende“ zu: Bloß nicht in Schönheit sterben
Als erste überregionale Tageszeitung beendet die taz unter der Woche das Drucken. Die Versammlung der taz-Genoss:innen akzeptierte den Schritt nach lebhafter Aussprache.

Die taz ist in meiner Wahrnehmung eine der wenigen Zeitungen, die sich durchaus ziemlich öffentlich und konkret immer wieder mit dem bevorstehenden Ende ihrer gedruckten Ausgabe auseinandergesetzt hat. Und jetzt machen die Berliner*innen tatsächlich Ernst.

Ich bin sehr gespannt, wie das dann unterm Strich wirtschaftlich aussehen wird. Die taz-GeschäftsführerInnen Aline Lüllmann und Andreas Marggraf lassen sich jedenfalls so zitieren: „Mit Stolz können wir sagen, dass die wirtschaftlichen Kennzahlen, nach denen wir unsere Seitenwende orchestriert und jetzt auch terminiert haben, bereits erreicht haben oder absehbar erreichen werden."

Gesehen: Opening Night (1977)

Gesehen: Opening Night (1977)
(c) Faces International Films

Klar lässt sich dieser Film sehr eng mit dem Thema verknüpfen, welchen Wert wir als (patriarchal geprägte) Gesellschaft einer alternden Frau zumessen. Klar sollten wir uns hier die drängende Frage stellen, warum wir Menschen abhängig von ihrem Alter überhaupt einen Wert zumessen. Aber das ist hier nur ein Teilaspekt dessen, was mich so gepackt hat.

Mir ging Gina Rowlands’ Figur extrem nahe. Sie ist eine Frau, getrieben von der Angst, dass sich unter dem Ruhm einfach nichts ist. Sie trinkt nicht, weil sie ihre inneren Dämonen mit Alkohol betäuben will; sie trinkt, weil es sie davon abhält, in sich hineinzublicken. Denn dort lauert womöglich nichts – keine Ziele, keine Werte, nichts Liebenswertes, nicht einmal Dämonen, sondern nur die große Leere.

Wahrscheinlich nimmt sie der Tod einer jungen Frau, von der sie verehrt wurde, so heftig mit. Denn die verkörperte den Fan im wortwörtlichen Sinne: fanatisch, obsessiv, blinden Applaus und scheinbar bedingungslose „Liebe“ spendend. Gina Rowlands’ Figur bekommt es nun mit der nackten Panik zu tun. Denn was ist, wenn dieser tosende Applaus plötzlich abebbt und gänzlich versiegt? Dann ist da nur noch die große Leere, die ohrenbetäubende Stille. Und das ist das, was mir durch Mark und Bein ging.

★★★★☆

US, R: John Cassavetes, D: Gina Rowlands, John Cassavetes, Ben Gazzara, Joan Blondell, Paul Stewart, Zohra Lampert, Laura Johnson, John Tuell, Trailer, Wikipedia
Opening Night - Stream: Jetzt Film online anschauen
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Gesehen: Wintermärchen (2018)

Gesehen: Wintermärchen (2018)
(c) W-film

Der Abspann beginnt über den Fernseher zu laufen, im Hintergrund setzt „Schrei nach Liebe“ von Die Ärzte ein und ich denke mir nur: „Euer verdammter Ernst?!“ Wer diese Lyrics wirklich als Erklärungsansatz für rechtsextremen und nationalsozialistischen Terror begreift, der hat doch den Schuss nicht gehört. Die Nazis sind die ungeliebten Kinder mit den bösen Eltern, sind sexuell frustriert, kennen ausschließlich toxische zwischenmenschliche Beziehungen und essen heimlich natürlich trotzdem Döner. Das Drehbuch klammert fast gänzlich die menschenfeindliche und rassistische Ideologie aus. Aber wer sich derart deutlich auf Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe bezieht, kann und darf sich das nicht erlauben.

Versucht man diese Brille für einen Moment abzulegen, verbirgt sich hinter WINTERMÄRCHEN aber eben auch eine unter die Haut gehende Beobachtung von Machtdynamiken, toxischen Beziehungsgefügen und repressiven Herrschaftssystemen. Und diesen Beobachtungen wohnt eine universellere Wahrheit inne, die sich nicht nur im Nationalsozialismus, sondern auch zwischen den Geschlechtern oder Institutionen wie etwa der katholischen Kirche wiederfinden lässt.

★★½☆☆

DE, R: Jan Bonny, D: Thomas Schubert, Ricarda Seifried, Jean-Luc Bubert, Trailer
Wintermärchen - Stream: Jetzt Film online anschauen
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Gesehen: Jugend - es ist kompliziert (Staffel 1, 2024)

Gesehen: Jugend - es ist kompliziert (Staffel 1, 2024)
(c) ZDF, Frank Dicks, [M] FeedMee

Stefan Stuckmann of Eichwald, MdB-Fame hat eine neue Serie namens Jugend - es ist kompliziert. Seit ein paar Tagen steht sie bereits beim ZDF in der Mediathek und ich habe sie mir komplett angesehen. Thomas Schubert ist sowieso immer ein gutes Argument für etwas. Seine Figur ist mein Highlight der Serie – und das nicht nur, weil ich viel von ihm bei aller Überzeichnung auch in mir sehe. Zuallererst macht es nämlich einen Heidenspaß, ihm beim Spielen zuzuschauen. Schubert bewegt sich mit einer unglaublichen Leichtigkeit zwischen einer intentionalen Künstlichkeit und lockeren Natürlichkeit hin und her. Eigentlich gilt das auch für den restlichen Cast – Sarah Gailer, Eli Riccardi und Leon Ulrich –, der wirklich spot on ist.

Klar, Jugend - es ist kompliziert soll in erster Linie locker unterhalten. Aber sollte nicht ausschließen, gleichzeitig auch größere Ambitionen zu verfolgen. Unterm Strich eignet sich die Serie ein bisschen zu sehr die Ziellosigkeit ihrer Figuren an.

Die Beobachtungen hinsichtlich der Untiefen permanenter Selbstreflexion, der Hyperpolitisierung jedes Lebensbereiches und ganz besonders der Lebensrealität zahlreicher Millennials sind treffend und klug. Für mich entwächst der Humor hier auch nicht aus einem abschätzigen Blick auf diese Tatsachen, sondern aus dem Spannungsfeld zwischen dem Erkennen der eigenen und systemischen Unzulänglichkeiten auf der einen Seite und auf der anderen Seite der Erkenntnis, trotzdem nicht aus seiner Haut zu können.

P.S.: Die Serie benutzt offenkundig mithilfe von generativer KI generierte Bilder, um Szenen zu trennen. Die Vermutung würde aufgrund der Ästhetik der Bilder auch nicht sonderlich fern liegen. Nur ist das hier keine Vermutung, sondern ein Fakt. Macher Stefan Stuckmann hat im Juni bei Vollbild im Deutschlandfunk Kultur mit Patrick Wellinski auch darüber gesprochen, wie und warum sie DALL·E von OpenAI für diese Bilder benutzt haben.

Patrick Wellinski: In der Serie gibt es KI-generierte Schnittbilder, also Bilder von Tauben mit aufgerissenen Augen, torkelnde Menschen, Geister, kopflose Wesen über abgestellten Sofas. Wieso diese KI-Bilder?

Stefan Stuckmann: Tatsächlich ganz platt haben wir einfach nur nach Bildern gesucht, mit denen wir die Szenen trennen können, weil das einfach ein klassisches Problem in Sitcoms ist. Man ist immer nur im Studio, man ist fast nie draußen, selbst wenn man draußen ist, ist es eigentlich Studio. Und wir haben ewig drauf rumgekaut, wie geht man damit um. Bei uns war klar, wir haben zu wenig Geld.

Die eigentliche Antwort ist noch etwas länger, aber ich habe sie hier auf das eingekürzt, was mir extrem sauer aufstößt. Aus Budgetgründen ein System zu nutzen, für dessen Konstruktion unentgeltlich und ungefragt Werke anderer Kunstschaffender genutzt worden sind und wahrscheinlich immer noch werden, ist moralisch verwerflich. Die letztlich doch sehr einfache Rechnung geht so: Künstler*in erschafft Werk -> OpenAI „klaut“ Werk, um DALL·E zu trainieren -> Dritte nutzen mit DALL·E generierte Bilder für eine Serie, für die sie bezahlt werden. Hier wird sich an den Werken anderer bereichert.

Stefan Stuckmann erzählt bei Vollbild noch mehr darüber, warum diese Bilder so gut in seine Serie passen. Und ich gebe ihm da absolut recht. Aber der Zweck heiligt nicht die Mittel. Und diese Mittel schon gar nicht.

Stuckmann zufolge könnte es eine zweite Staffel geben, wenn genug Menschen unter 35 Staffel 1 sehen. Ich drücke ihm und dem ganzen Team die Daumen und im Falle eines grünen Lichts mehr besonnenheit hinsichtlich des Einsatzes von DALL·E und Co.

DE, C: Stefan Stuckmann, D: Thomas Schubert, Sarah Gailer, Eli Riccardi, Leon Ullrich, Trailer

Die Serie steht noch bis zum 06. September 2025 in der ZDF-Mediathek:

Jugend - es ist kompliziert | 8-teilige Comedyserie
Fünf Freunde u. a. Thomas Schubert stürzen sich von einer Dummheit in die nächste Liebesbeziehung, um endlich ihren Weg im Leben zu finden.