Das Herz hat der Film auf jeden Fall am rechten Fleck. Ich meine: Eine Gewerkschafterin, die sich für bessere Arbeitsbedingungen und gegen strukturellen Sexismus in einem mehrheitlich dem französischen Staat gehörenden Konzern einsetzt und an deren Leben sich parallel der desaströse gesellschaftliche Umgang mit Opfern sexueller Gewalt erzählen lässt, what’s not to „like“?
Leider scheitert der Film bereits auf Drehbuchebene, bevor überhaupt die erste Kamera angeschmissen wurde. Über weite Strecken strengt der Text überdeskriptive Dialoge an, als ob wir nicht bereits sehen würden, dass hier Ungerechtigkeiten passieren. Letztlich wirkt es so, als ob man sich hier lange im Unklaren darüber war, dass man ja einen Film dreht und sich deshalb nicht nur filmischer Mittel bedienen kann, sondern es auch muss.
True Crime für Teilnahmslose – dieser bittere Nachgeschmack blieb mir auf der Zunge.
★★☆☆☆
🇩🇪/🇫🇷/🇺🇸, R: Jean-Paul Salomé, D: Isabelle Huppert, Marina Foïs, Alexandra Maria Lara, Grégory Gadebois, François-Xavier Demaison, Pierre Deladonchamps, Gilles Cohen, Gilles Cohen, Trailer, Wikipedia
Als der Film in Richtung magischer Realismus gekippt ist, wusste ich: Die mehr als dreistündige Laufzeit ist mir noch nicht genug! 😅
Es ist die Verheißung, der urbanen Einöde entfliehen zu können, die Ketten des Kapitalismus zu sprengen und sich im Paradies von den Sirenen verführen zu lassen, mit der hier gespielt wird. Die beiden verlorenen Seelen und die drei verführerischen „Sirenen“ tragen allesamt zueinander anagrammatische Namen. So lässt sich etwa aus den Figuren lesen, was war, was ist und was wird. Die Sirenen als Manifestation von Sehnsüchten, Träumen und Bedürfnissen.
Aber zu Hause in der Großstadt, in der tagtäglichen Monotonie des Wirtschaftens, da geht man eher freiwillig in den Knast, als sich vom Arbeitgeber über die nächsten 20 Jahre bis zur Rente bis auf den letzten Tropfen Lebenswillen auspressen zu lassen. Wenn das Gefängnis ein glaubwürdigeres Versprechen von Freiheit vorbringen kann als die geltende Gesellschaftsordnung, läuft irgendwas nicht ganz richtig. (Dann im Knast direkt wieder mit monetären Zwängen konfrontiert zu werden, – also auf den Schutzgelderpresser zu stoßen, der mit demselben Schauspieler wie der Chef der Protagonisten besetzt ist – ist nicht nur herrlich ironisch, sondern birgt auch eine bittere Wahrheit in sich.)
Der Film hat zwar auch durchaus Momente, in denen er unnötig viel ausbuchstabiert, aber die haben letzten meinem Genuss keinen Abbruch getan.
★★★★☆
AR/BR/CL/LU, R: Rodrigo Moreno, D: Daniel Elías, Esteban Bigliardi, Margarita Molfino, Germán de Silva, Laura Paredes, Mariana Chaud, Gabriela Saidón, Cecilia Rainero, Lalo Rotaveria, Javier Zoro, Trailer, Wikipedia
Für mich hat sich OCCUPIED CITY als überaus produktives Arrangement entpuppt. Den Bildern, die Steve McQueen hier sucht und findet, haftet etwas sehr Direct-Cinema-artiges à la Frederick Wiseman an. Gleichzeitig mittendrin, aber eben auch die nicht weiter beachtete Fliege an der Wand.
Die Kamera, ihre Positionierung und Bewegung machen aus OCCUPIED CITY gewissermaßen eine Gespenstergeschichte. Die Kamera ist böser und mahnender Geist zugleich, der ein Tor zwischen Vergangenheit (in Form von Bianca Stigters Text) und Gegenwart (Steve McQueens Bilder) öffnet.
Daraus produziert der Film eine ganze Reihe von Irritationen, die jedoch letztlich die aufgestoßenen Denkräume klug erweitern. Waren etwa die Grundrechtseinschränkungen zu Beginn der Corona-Pandemie vergleichbar mit der eisernen Hand der Nazis während der Besatzung Amsterdams? Natürlich nicht. Aber die Verschränkung dieser beiden Momente der jüngeren Geschichte Europas lässt uns über die Kontinuitätslinien des Autoritären und deren Grenzen nachdenken.
McQueen geht es hier klar nicht um Gleichsetzung, sondern um Kontrastierung – und die gelingt ihm für meine Begriffe wirklich gut.
Um direkt die offensichtlichen Wortwitze aus dem Weg zu schaffen: Der Film hat mich komplett kaltgelassen und ging mir gleichzeitig unfassbar auf den Geist.
Es ist wahnsinnig uninspiriert und ermüdend, dass dieser Film ein Film für alle sein will und deshalb ein Film für niemanden ist. Aber die Ghostbusters von damals™, die neue Familiendynamik und eine Handvoll quirky Nebenfiguren mit all ihren Eigenheiten unter einen Hut zu bekommen, ist ein aussichtsloses Unterfangen.
Das Festhalten an der alten Dynamik hat sich überholt. Die PG-13-Familie, für die „what the fudge“ gesagt wird und in der Carrie Coon und Paul Rudd eine eher freundschaftliche als von gegenseitiger Anziehung geprägte Beziehung führen, wirkt angesichts dessen total deplatziert, dass die quirky Nebenfiguren dann Witze über einen „cool sex dungeon“ machen.
Die Bilder sind ein einziger großer Callback zu Ivan Reitmans Filmen und damit ein unendlich schwerer Klotz am Bein. So bleibt dem Film nichts anderes übrig, als auf der Stelle zu treten. An Vorwärtsmomentum ist einfach nicht zu denken. Es gibt keine Vision, nur ein verwässertes Erbe, das offenbar einfach nicht losgelassen werden kann.
★½☆☆☆
US, R: Gil Kenan, D: Mckenna Grace, Paul Rudd, Carrie Coon, Finn Wolfhard, Dan Aykroyd, Kumail Nanjiani, Patton Oswalt, Celeste O’Connor, Logan Kim, Emily Alyn Lind, James Acaster, Bill Murray, Ernie Hudson, Annie Potts, William Atherton, Trailer, Wikipedia
Neulich ging das von meinem Domizil diesseits des Atlantiks aus immer mit großem Neid beobachtete XOXO Festival zum letzten Mal über die Bühne. Nun landen die Talks Stück für Stück auf Youtube und unter den ersten Videos ist auch der von mir bereits hier abgefeierte Dan Olson – passenderweise zum von mir im vorherigen Satz bemühten Thema Neid.
Er beschreibt aus sehr persönlicher Sicht einen Struggle, den Menschen, die auch nur im entferntesten Sinne kreativ arbeiten, auch meiner Erfahrung nach sehr oft durchmachen.
Ich kenne es jedenfalls nur zu gut, ein Video zu sehen, einen Podcast zu hören, einen Newsletter zu lesen, auf ein cooles Social-Format zu stoßen, einen Text zu verschlingen und hier und da zu sagen: „I could do that.“ Darauf folgt jedoch unweigerlich „Why am I not doing that?“ und die Spirale aus Selbstzweifeln und selbstblockierende Mechanismen nehmen überhand.
POSSESSION ist ein Film, der wahrscheinlich an nur sehr wenigen Orten in dieser Form so gut funktioniert hätte, wie im geteilten Berlin. Hier wird die Stadt zu einem Vorhof der Hölle, weil sie selbst ein Ort ist, an dem immer noch das Böse aus nur scheinbar überwundenen Zeiten wohnt. Ein Ort, an dem Menschen in zwei verschiedene ideologische und räumliche Lager gezwängt werden. Wie ihre Stadt sind die Figuren zerfressen von Paranoia, Kontrollzwängen und ihren fragilen Egos. Die Männer, selbst irreparabel gebrochen, wollen nun um jeden Preis die Frauen mit in ihren Abgrund reißen.
Andrzej Żuławski dreht daraus eine abgefahrene Rauscherfahrung, die mir wahrscheinlich noch ein ganzes Weilchen lang in den Knochen stecken wird.
★★★★½
FR/DE, R: Andrzej Żuławski, D: Isabelle Adjani, Sam Neill, Margit Carstensen, Heinz Bennent, Johanna Hofer, Trailer, Wikipedia
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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