Helena Bonham Carter und Michael Keaton in „Live from Baghdad" // (c) HBO
In den Momenten, in denen die inneren Abläufe und grundlegenden Mechanismen des 24-Stunden-News-Cycles an die Oberfläche treten, neigt der Film zu übermäßiger Didaktik und traut seinem Publikum offenbar nicht zu, aus den Bildern eigene Schlüsse zu ziehen.
Doch diese Momente des Erklärfernsehens sollen nicht überschatten, dass der Film durchaus gelungen und akribisch die grundlegenden Probleme eines Rund-um-die-Uhr-Mediums mit journalistischem Inhalt nachgeht. Hier scheint durch, dass das noch junge CNN schon früh verloren schien.
Denn der Film beginnt nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, mit einem Haufen von idealistischen Journalist:innen, die schließlich am ökonomischen Druck und dem auferlegten Zwang zur Gewinnmaximierung zerbrechen. Es ist genau andersherum. Zunächst geht es diesen Journalist:innen nur um Quote und die folgerichtig klingelnde Kasse beim Sender. Erst später finden sie zu journalistischen Idealen (zurück), aber da ist die Karre CNN schon unrettbar mit Vollgas auf Kurs gegen die Wand.
Verstärkt wirkt dieser Kurs auch dadurch, dass niemand die gesellschaftlichen Folgen dieses orchestrierten, permanent feuernden und zunehmend eskalierenden Nachrichtenzirkus abgewogen hat – mutmaßlich sogar mit Vorsatz.
Wenn ich heute durch meine deutsche Brille auf CNN oder das verachtenswerte Fox News schaue, wird mir ob der Aufmachung dieses sehr meinungsgetriebenen Programms schwarz vor Augen. Aber es ist die logische Konsequenz dessen, was LIVE FROM BAGHDAD hier in seinen Anfängen beschreibt.
★★★☆☆
US, R: Mick Jackson, D: Michael Keaton, Helena Bonham Carter, Joshua Leonard, Lili Taylor, David Suchet, Bruce McGill, Michael Murphy, Robert Wisdom, Paul Guilfoyle, Clark Gregg, Hamish Linklater, John Carroll Lynch, Michael Cudlitz, Pamela Sinha, Trailer, Wikipedia
Das ist sicherlich ein hilfreiches Angebot für die bevorstehenden Wochen des Wahlkampfes, die sicherlich mitunter schmutzig und in vielen Familien und Freundeskreisen für Diskussionen sorgen werden: Das German-Austrian Digital Media Observatory (GADMO) verschickt ab sofort einen wöchentlichen Newsletter, in dem die wichtigsten Faktenchecks zu Falschmeldungen rund um die Bundestagswahl am 23. Februar 2025 gesammelt werden sollen.
Geschrieben wird der Newsletter von Correctiv, er Deutschen Presse-Agentur, der Agence France Presse und der Austria Presse Agentur, die selbst seit Jahren mit eigene Faktencheck-Angeboten am Markt sind. Die Koordinierung des Projekts übernimmt das Institut für Journalistik an der TU Dortmund. Ein paar Beispiele liefern die Macher*innen in der Ankündigung:
Der Wahlkampf in Deutschland läuft bereits seit Wochen und wird dabei von zahlreichen Falschmeldungen begleitet, die offenbar gezielt verbreitet werden, um Wähler:innen zu verunsichern. So haben die GADMO-Partner in den vergangenen Wochen bereits Falschinformationen über die Kanzlerkandidaten Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), der bei einem Geheimdiensteinsatz festgenommen worden sein soll, und Friedrich Merz (CDU), der erklärt haben soll, keine Angst vor einem Atomkrieg mit Russland zu haben, geprüft. Beide Behauptungen entbehren jeglicher Grundlage. Zudem kursierte kürzlich in sozialen Netzwerken ein manipuliertes Bild von Umfrageergebnissen: Dieses suggerierte, dass die AfD auf 41 Prozent, die SPD auf 14 Prozent und das BSW auf 8 Prozent käme. Tatsächlich stammte die Umfrage aus dem September 2024 und wurde vom Umfrageinstitut Insa zur Landtagswahl in Brandenburg durchgeführt. GADMO konnte zeigen, dass die dargestellten Umfragewerte nachträglich verändert worden waren und falsch sind.
Ich habe nun ein paar Tage überlegt, ob ich hier im Blog über die an Neil Gaiman gerichteten Vorwürfe hinsichtlich sexualisierter Gewalt, Machtmissbrauch und mehr schreiben soll. Denn zu Gaiman und seinem Schaffen habe ich nur sehr minimale Berührungspunkte. Gelesen habe ich keine seiner Geschichten, geschaut habe ich nur die beiden Staffeln von Good Omens bei Prime Video. Teile seines sonstigen Schaffens sind mir nur bekannt, weil sie eben durch das kollektive Popkulturgedächtnis wabern.
Aber ich setze mich hier im Blog ja einigermaßen konstant kritisch mit Kultur auseinander. Dazu sollten dann auch die Kulturschaffenden, deren Netzwerke und das System™ gehören. Also nun auch Neil Gaiman hier im Blog.
Im vergangenen Jahr habe ich bereits die exzellente Recherche von Paul Caruana Galizia und Rachel Johnson für Tortoise gelesen und anschließend die sechs Episoden des angeschlossenen Podcasts gehört, in denen ein umfassendes und erschreckendes Bild von Neil Gaiman und seinen mutmaßlichen Taten gezeichnet wird.
Danach ist in Sachen medialer Aufmerksamkeit und weiteren veröffentlichten Recherchen erschreckend wenig passiert – bis zum 13. Januar 2025, an dem Lila Shapiro ein unglaubliches Brett von Feature im New York Magazine publiziert hat.
Darin wird ein Mann beschrieben, der sozusagen Wasser predigt und Wein trinkt. Der seine angebliche liberale, reflektierte und ausdrücklich feministische Haltung geschickt als Marketinginstrument einsetzt, aber nur selten zu leben scheint. Der offenbar über Jahrzehnte hinweg seine Macht über ergebene Fans und Frauen in Notsituationen missbraucht hat. Der mutmaßlich vergewaltigt hat. (Diesen Vorwurf bestreitet Neil Gaiman.) Dessen näheres Umfeld, offenbar insbesondere seine mittlerweile Ex-Frau Amanda Palmer, zumindest über einen Teil der mutmaßlichen Übergriffe Bescheid wusste und nichts tat.
When the police contacted Palmer later that year, she declined to talk with them. Gaiman never spoke with the police either, though he did provide a written statement. Whatever feelings Palmer might have had about the situation went into a song she performed on tour in 2024, one she wrote shortly after Pavlovich’s confession. It was called “Whakanewha,” named after a park near their homes on Waiheke. “Another suicidal mass landing on my doorstep — thanks a ton / A few more corpses in the sack / You’ll get away with it; it’s just the same old script / This world is shaped to have your back / You said, ‘I’m sorry,’ then you ran / And went and did it all again.”
Das Schweigen muss für die Opfer ohrenbetäubend sein, die ausbleibende Solidarität desorientierend.
Lila Shapiros Text ist keine leichte Lektüre. Er ist lang, er ist explizit und darin mitunter extrem belastend. Christiane Eickmann bringt bei Bluesky in einem Thread auf den Punkt, wie zumindest die Aufmachung der Rechercheergebnisse auch kritisch gesehen werden kann.
🧵Der jüngste Artikel über #NeilGaiman lebt als Albtraum in meinem Kopf. Er ist wahnsinnig gut recherchiert und zeigt Mechanismen von Missbrauch und Mittäterinnenschaft auf. Er ist wichtig und liegt mir doch im Magen. In Deutschland werden Quellen in der #metoo -Berichterstattung …
Wie also nun weiter? Ich verfahre immer so: Ein Kunstwerk gehört, sobald es einmal in der Welt ist, dem Publikum und nicht mehr den Künstler*innen. Die Deutungshoheit liegt bei uns. Niemand kann uns vorschreiben, was das Kunstwerk bedeutet, provozieren will oder auslösen möchte – auch die Schöpfer*innen nicht. Neil Gaimans Geschichten waren in einem finsteren Moment deines Lebens wichtig? Das dürfen sie auch weiterhin sein. Die Wirkung der Kunst auf dich kann dir niemand nehmen.
Was ich jedoch ganz sicher nicht tun werde, ist weitere Zeit und vor allem Geld in die Werke Neil Gaimans zu investieren. Ihn jetzt noch finanziell weiter profitieren zu lassen, während er seinen Reichtum anscheinend auch zum Missbrauch seiner Macht eingesetzt hat, kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Denn so trage ich auf Kosten der Opfer weiter dazu bei, dass der mutmaßliche Täter nicht nur ohne wirkliche Konsequenzen davonkommt, sondern arbeite ebenfalls mit an der Verfestigung seiner übermächtigen Position.
Maggie Gyllenhaal in „Secretary" // (c) Tiberius Film
Das ist in seinem Rahmen durchaus eine ernstzunehmende Betrachtung von BDSM-Beziehungen und den darin herrschenden Machtstrukturen. Denn dass ein substanzieller Teil dieser Macht tatsächlich beim unterwürfigen Teil der Beziehung liegt, ist ein Punkt, der in auf Breitenwirkung abzielenden Produktionen gerne unter den Tisch fallen gelassen wird.
Klischees sind eben der Weg des geringsten Widerstands. Aber hier wird klar herausgearbeitet, dass der dominante Part seine Bedürfnisse nur befriedigen darf, wenn der unterwürfige Part dem zustimmt. Mit dieser Zustimmung steht und fällt die Beziehung, also ist dort auch die Macht zu verorten.
Davon abgesehen fühlt sich die Geschichte auch so gut an, weil sie einen Menschen zeigt, der eine neue Haut findet, in sie hinein wächst, darin gesehen, akzeptiert und umarmt wird. Damit bietet sich der Film auch als Metapher auf ganz andere Lebensrealitäten an.
Was zum Glück „nur" die Rahmung des Films ist und recht schnell praktisch keine Rolle mehr spielt: Die Gleichsetzung von selbstverletzendem mit masochistischem Verhalten zu Beginn ist natürlich hochproblematisch, weil sich daraus letztlich nur zwei Lesarten ergeben: Entweder verharmlost dieses Motiv psychische Erkrankungen oder es zeichnet Subs in BDSM-Beziehungen aufgrund ihrer sexuellen Vorlieben als psychisch krank.
★★★☆☆
US, R: Steven Shainberg, D: Maggie Gyllenhaal, James Spader, Jeremy Davies, Lesley Ann Warren, Stephen McHattie, Patrick Bauchau, Jessica Tuck, Amy Locane, Trailer, Wikipedia
Nach Teil 2 keimte insgeheim in mir schon die Hoffnung auf: Ist das etwa eine Reihe, die von Film zu Film besser wird? Es scheint jedenfalls so – wenn auch auf der Talsohle des Niveaus.
Hahahaha, nope. Back to square one. Die veränderten Figurennamen und die Verschachtelung verschiedener Realitäten sind mehr freudianische Anmaßung als Eintauchen in ein komplexes Geflecht aus Abhängigkeiten, Leidenschaft, Hingabe und Selbstermächtigung, wie es der Film vorzutäuschen versucht.
½☆☆☆☆
FR, R: Iris Letans, Francis Leroi, D: Sylvia Kristel, Mia Nygren, Patrick Bauchau, Deborah Power, Sophie Berger, Trailer, Wikipedia
Jennifer Tilly und Gina Gershon in „Bound" // (c) capelight pictures
Was für ein Debüt! Es ist fast schon absurd, wie stilsicher dieser Film ist und wie selbstbewusst hier mit bewährten Genreinstrumenten die traditionelle Struktur aufzubrechen, um mit klarer Handschrift etwas Eigenes zu schaffen. Und das hat mit dem heutigen Wissen um die Transition von Lana und Lilly Wachowski einen noch mal krasseren Impact.
Wie hier diese Anziehung, das Begehren und die Erotik in Szene gesetzt werden, ist genial. Denn das ist nicht nur stylish, sondern lenkt die Blicke zwingend auf die Brüche vermeintlicher Tabus und offenbart die tatsächliche Fluidität einer in Schwarz und Weiß gezeichneten Welt.
Der Macho muss sterben, damit Menschen Mensch sein können und nicht am unteren Ende eines Machtgefälles verkümmern.
★★★★☆
US, R: Lana Wachowski, Lilly Wachowski, D: Gina Gershon, Jennifer Tilly, Joe Pantoliano, John P. Ryan, Christopher Meloni, Richard C. Sarafian, Trailer, Wikipedia
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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