Nach der einfach nur niederschmetternden Recherche des Spiegel zur sexualisierten (digitalen) Gewalt, die Collien Fernandes erfahren hat, lese ich viele Texte, von denen ich erst mal zwei hier festhalten möchte.

Jasmin Schreiber:

Wer auf diese Zahlen hinweist, bekommt verlässlich zu hören: Aber die meisten Männer sind doch anständig. Stimmt. Mein Mann ist wohl keiner von denen. Wahrscheinlich deiner auch nicht. Aber es gibt ein sehr offensichtliches strukturelles Muster, und das hat ein Geschlecht, und es hat seit dem Internet eine Infrastruktur zur Tatermöglichung, die es in der Geschichte der Menschheit so noch nie gegeben hat. Und Männer nutzen das exzessiv. Außerdem: Jeder Mann ist keiner von denen, bis er es plötzlich doch ist. Es gab bei jedem Mann eine Zeit vor der Tat, und bis dahin war er ja auch “keiner von denen”. I don’t know. Für dieses Unbehagen habe ich keine Lösung.
Die Schuldvermutung.
Wie wir mit Männern leben sollen.

Margarete Stokowski:

Männer müssen mit dem Risiko leben, dass Frauen erst mal skeptisch sind, wenn sie erklären, sie seien Feministen. Es ist aber keine so dramatische Gefahr, dass vielleicht mal eine Feministin mit den Augen rollt, während sie reden. Try harder, überzeugt uns!

Vor allem aber müssen Männer damit leben, dass es keine To-do-Liste gibt, die sie abarbeiten können und wo statt einem »Bete drei Ave-Maria und zwei Vaterunser« die Absolution erteilt wird mit einem »Geh auf drei Demos, spende an ein Frauenhaus, verprügel einen Vergewaltiger und arbeite die Leseliste durch, die dir eine Frau zusammenstellt«.
(S+) Meinung: Collien Fernandes: Margarete Stokowski über Unterschied zwischen Feministen und »Feministen«
Männer reagieren eher verhalten auf den Fall Fernandes – wie so oft, wenn es um Gewaltvorwürfe gegen andere Männer geht. Dahinter steckt auch eine Unsicherheit. Können sie überhaupt Feministen sein? Und wenn ja, wie?

Außerdem vom Fall losgelöst noch diese Handreichung: „Es gilt die Arschlochvermutung“


Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!

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Auf die kleine Frederick-Wiseman-Retrospektive bei hatte ich neulich schon mal hingewesen. Parallel zu den ersten Filmen, die ich bereits davon geschaut habe, habe ich nun auch den tollen Nachruf auf Wiseman von Tilman Schumacher für den Filmdienst gelesen.

Wiseman hat mit seinen Filmen tief in der US-amerikanischen Gegenwart geschürft, ohne je eine einseitige Sichtweise oder gar Agenda aufzudrücken. Zu offen politischem Filmemachen äußerte er sich zeitlebens skeptisch, zu sehr kam es ihm einem Herunterbrechen von komplexen Sachverhalten gleich. Wiseman wollte keine Message-Movies machen, sondern mit den Räumen und Menschen, die er porträtierte, in einen Dialog treten – gleichsam seinem Publikum einen offenen Dialog mit dem eigenen Werk ermöglichen.
Nachruf: Frederick Wiseman (1930-2026)
Im Februar 2026 ist der US-Filmemacher Frederick Wiseman mit 96 Jahren gestorben. Er war viele Jahrzehnte lang einer der prägnantesten Dokumentarfilmer, der mit seinen ausgiebigen und kommentarlosen Porträts von Institutionen Maßstäbe setzte. Dabei stand stets ein demokratischer Impuls hinter dem Wirken von Wiseman, der nicht agitatorisch sein, sondern Verständnis für komplexe Zusammenhänge vermitteln wollte. Eine Würdigung.

Stefan Koldehoff und Lars Hendrik Beger zeichnen bei Kultur heute im Deutschlandfunk noch mal nach, warum BKM Wolfram Weimer bei allem scheitert, was er anfasst. Sicherlich ist ihm bei vielen Handgriffen eine kulturkämpferische Absicht ganz klar zu unterstellen. Aber mindestens genauso schwer wiegt die Tatsache, dass er einfach ein unfähiger Dilettant ist, dem jegliches Handwerkszeug für seinen Job fehlt.

Ist Wolfram Weimer ein Kulturkämpfer oder ein Kämpfer für die Kultur?
Berlinale, Buchhandlungspreis oder Deutsche Nationalbibliothek: Wir haben die Debatten der vergangenen Monate analysiert. Was treibt Wolfram Weimer an?

Außerdem beim Guardian nachgeholt: ein Blick auf Florence Welch und ihr Schaffen, geworfen gut einen Monat, bevor Everybody Scream erschien. Über Kunst, Frausein, Körper, Unerbittlichkeit, Schöpfung, Ruhm, Authentizität und mehr. Ein auslandender, aber nie seichter Rundumschlag.

‘The closest I came to making life was the closest I came to death’: Florence Welch on sexism, screaming and the lost pregnancy that nearly killed her
The Florence + the Machine singer talks about life after devastating loss, performing with Taylor Swift and the double standards for women in music

Ich habe drüben noch mal Sidney Lumets Klassiker NETWORK mit ein paar Worten dazu, warum der Film aktueller denn je ist, empfohlen.

News | Video on Demand | Streaming-Tipp des Tages: Network
Wer heute einen medialen Blick über den großen Teich wagt, wird aus europäischer Sicht einen dystopischen Höllenschlund erkennen müssen: (Noch) j…

Ebenfalls für drüben habe ich mir schon mal HORST SCHLÄMMER SUCHT DAS GLÜCK, der diese Woche ins Kino kommt, angeschaut.

Von Grevenbroich aus geht es also raus in die weite Welt – oder eher: ins einigermaßen weite Deutschland. Erste Station: Bad Lobenstein in Thüringen, weil dort Horsts Kneipenkumpel Wolle (Patrick Joswig) zuletzt zur Kur und so richtig glücklich war. Dort nötigt man sich schließlich ein paar müde Lacher beim, haha, Lachyoga ab, pflügt wie ein Scheunendrescher übers üppige Buffet, verbrennt sich die Finger bei der Hot-Stone-Massage und, ja wirklich, kifft sich ordentlich einen rein. Doch glücklich macht auch das alles nicht. (Was vielleicht anders wäre, wenn die hier porträtierte Kureinrichtung wirklich dem Standard für gesetzlich krankenversicherte Menschen entsprechen würde. Aber das wäre eine analytische Tiefe, an der sich HORST SCHLÄMMER SUCHT DAS GLÜCK bis zum Schluss eher nicht versucht.)
Horst Schlämmer sucht das Glück (2026) | Film, Trailer, Kritik
Hape Kerkeling verfolgt ein hehres Ziel, sein Horst Schlämmer hilft ihm dabei aber eher nicht. Dessen Suche nach dem Glück ist naiv, aber auch ein t…