Gesehen: The Wonders (2014) - Licht ist Leben
FilmkritikDie Leinwandgöttin triumphiert über den Möchtegerngott
Der Film beginnt mit Scheinwerfern, die durch das Dunkel der Nacht schneiden, das Haus anleuchten, über die Körper der im Bett liegenden Kinder hinwegschweifen. Es ist, als ob diese Welt, diese Leben, diese Kinder nur innerhalb des Lichtkegels für diesen einen Moment existieren und dann zurück in das Nichts der Dunkelheit und aus der Ebene unserer Existenz gleiten.
Alice Rohrwacher spielt mit dem Licht als Symbol oder gar Essenz des Lebens – etwa mit dem Strahl, der durch Schwebstaub hindurch in den dunklen Raum fällt und das Mädchen ihn mit den Händen wie Wasser aus einem Hahn auffängt und vorsichtig „trinkt“. Licht ist – im übertragenen Sinne, aber auch ganz wortwörtlich – ein Ankerpunkt in der Dunkelheit, ein Mittel, das Verborgene sichtbar zu machen, und ein Sinnbild der Suche. Für Rohrwachers Mädchen eine Suche nach Sicherheit, nach Geborgenheit, nach sich selbst und einem selbstbestimmten Leben in einer Zukunft, die sie selbst anstelle des Vaters gestalten.
Der Vater ist eine herrische, extrem autoritäre und in dieser Welt, die er um sich herum geschaffen hat, eine gottgleiche Figur. Als solche wird er jedoch in einem Akt der Selbstermächtigung einer seiner Töchter in eine Untergebenenrolle getrieben und darin von einer in edle antike Gewänder gekleideten Monica Bellucci entmündigt. Die Leinwandgöttin triumphiert über den Möchtegerngott und ermutigt die kleinen Feen, wie sie die Töchter in einer Szene nennt, den von mir hier zum Zwecke der Metapher hineingelesenen Olymp zu verlassen.
Rohrwacher dekonstruiert eine behauptete Freiheit, die immer nur die Freiheit eines Menschen und für alle anderen ein Gefängnis ist.
★★★★☆
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