Kinotagebuch: Kontinental ’25 (2025) - Form follows function
FilmkritikRadu Jude nimmt stellenweise so viel Tempo aus dem Film, dass es unangenehm wird
Radu Judes Bandbreite ist einfach unglaublich. Wer direkt von DO NOT EXPECT TOO MUCH FROM THE END OF THE WORLD kommt, klatscht bei KONTINENTAL '25 regelrecht gegen eine Wand. Der Film schaltet nicht nur ein paar Gänge runter, er kommt fast schon zum Stillstand. Form follows function, denn bei der Protagonistin und gesellschaftlich bewegt sich gar nichts mehr – jedenfalls nicht vorwärts.
Radu Jude nimmt stellenweise so viel Tempo aus dem Film, dass es unangenehm wird, weil den Figuren so genügend Zeit gegeben wird, sich aus Verlegenheit selbst zu entlarven. Die reine Bewegungslosigkeit der Kamera, die Verweigerung von Schnitt und die ästhetische Banalität mancher Einstellungen für sich sind schon eine gelungene Provokation.
Dennoch strotzt das alles nur so vor unendlich vielen kleinen Details und Splittern, die sich zu einer extrem vielschichtigen Gesamtkomposition zusammensetzen lassen.
Da ist die perverse Selbstverständlichkeit, mit der an jeder Ecke neben der rumänischen Landes- auch die Europaflagge hängt. Es wird Einigkeit gepredigt, aber Zwietracht gesät. Mittendrin sind dann Menschen wie die Protagonistin, die an der Scherenachse festhängen – auf der einen Seite ökonomisch und damit existenziell vom Kapital abhängig, auf der anderen Seite Marionette des Kapitals beim noch weiteren Öffnen der gesellschaftlichen Schere und dem Vergrößern des äußeren Randes.
Da ist die Freundin der Protagonistin, die sich im Winter um den Wohnungslosen vor ihrem Haus sorgt, sich dann aber wiederum so sehr an seinem Gestank stört, dass sie sich manchmal wünscht, er würde einen besonders kalten Tag da draußen nicht überleben. Sie gefällt sich mehr bei dem Gedanken, sich um Missstände zu sorgen, als wirklich etwas gegen Missstände zu tun. Außerdem braucht sie das Elend anderer, um sich selbst noch nicht auf der Talsohle angekommen zu sehen.
Deshalb wiederholt die Protagonistin auch immer und immer wieder ungefragt explizit die Todesumstände eines Menschen, mit dem sie durch ihre Arbeit in Kontakt kam – weil sie sich selbst und anderen immer und immer wieder vergewissern will, was für eine schlimme Sache sie doch erlebt hat; weil sie sich immer und immer wieder von Schuld freisprechen lassen will, denn sie spürt die moralische Schuld auf ihren Schultern. Nicht, weil sie direkt Mitschuld am Tod eines Mannes hat, sondern weil sie ihrer Verantwortung nicht nachkommt und nie wirklich etwas an den so problematischen Umständen, die zu diesem Tod geführt haben, zu ändern versucht.
Radu Jude fängt hier meiner Meinung nach die abstruse und paradoxe Gleichzeitigkeit von absolutem Stillstand und der exponentiellen Verschlechterung der Gesamtgegebenheiten bei verblendeten Wohlstandserzählungen ziemlich gut ein.
★★★★☆
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