Der Tod von David Lynch ist ein unglaublicher Verlust – für seine Familie, seine Freund*innen, die Kunst, die ganze Welt. Es ist einer der wenigen Tode von in der Öffentlichkeit stehenden Menschen, die mich wirklich treffen.
Ich habe nun ein paar Tage überlegt, ob ich hier im Blog über die an Neil Gaiman gerichteten Vorwürfe hinsichtlich sexualisierter Gewalt, Machtmissbrauch und mehr schreiben soll. Denn zu Gaiman und seinem Schaffen habe ich nur sehr minimale Berührungspunkte. Gelesen habe ich keine seiner Geschichten, geschaut habe ich nur die beiden Staffeln von Good Omens bei Prime Video. Teile seines sonstigen Schaffens sind mir nur bekannt, weil sie eben durch das kollektive Popkulturgedächtnis wabern.
Aber ich setze mich hier im Blog ja einigermaßen konstant kritisch mit Kultur auseinander. Dazu sollten dann auch die Kulturschaffenden, deren Netzwerke und das System™ gehören. Also nun auch Neil Gaiman hier im Blog.
Im vergangenen Jahr habe ich bereits die exzellente Recherche von Paul Caruana Galizia und Rachel Johnson für Tortoise gelesen und anschließend die sechs Episoden des angeschlossenen Podcasts gehört, in denen ein umfassendes und erschreckendes Bild von Neil Gaiman und seinen mutmaßlichen Taten gezeichnet wird.
Danach ist in Sachen medialer Aufmerksamkeit und weiteren veröffentlichten Recherchen erschreckend wenig passiert – bis zum 13. Januar 2025, an dem Lila Shapiro ein unglaubliches Brett von Feature im New York Magazine publiziert hat.
Darin wird ein Mann beschrieben, der sozusagen Wasser predigt und Wein trinkt. Der seine angebliche liberale, reflektierte und ausdrücklich feministische Haltung geschickt als Marketinginstrument einsetzt, aber nur selten zu leben scheint. Der offenbar über Jahrzehnte hinweg seine Macht über ergebene Fans und Frauen in Notsituationen missbraucht hat. Der mutmaßlich vergewaltigt hat. (Diesen Vorwurf bestreitet Neil Gaiman.) Dessen näheres Umfeld, offenbar insbesondere seine mittlerweile Ex-Frau Amanda Palmer, zumindest über einen Teil der mutmaßlichen Übergriffe Bescheid wusste und nichts tat.
When the police contacted Palmer later that year, she declined to talk with them. Gaiman never spoke with the police either, though he did provide a written statement. Whatever feelings Palmer might have had about the situation went into a song she performed on tour in 2024, one she wrote shortly after Pavlovich’s confession. It was called “Whakanewha,” named after a park near their homes on Waiheke. “Another suicidal mass landing on my doorstep — thanks a ton / A few more corpses in the sack / You’ll get away with it; it’s just the same old script / This world is shaped to have your back / You said, ‘I’m sorry,’ then you ran / And went and did it all again.”
Das Schweigen muss für die Opfer ohrenbetäubend sein, die ausbleibende Solidarität desorientierend.
Lila Shapiros Text ist keine leichte Lektüre. Er ist lang, er ist explizit und darin mitunter extrem belastend. Christiane Eickmann bringt bei Bluesky in einem Thread auf den Punkt, wie zumindest die Aufmachung der Rechercheergebnisse auch kritisch gesehen werden kann.
🧵Der jüngste Artikel über #NeilGaiman lebt als Albtraum in meinem Kopf. Er ist wahnsinnig gut recherchiert und zeigt Mechanismen von Missbrauch und Mittäterinnenschaft auf. Er ist wichtig und liegt mir doch im Magen. In Deutschland werden Quellen in der #metoo -Berichterstattung …
Wie also nun weiter? Ich verfahre immer so: Ein Kunstwerk gehört, sobald es einmal in der Welt ist, dem Publikum und nicht mehr den Künstler*innen. Die Deutungshoheit liegt bei uns. Niemand kann uns vorschreiben, was das Kunstwerk bedeutet, provozieren will oder auslösen möchte – auch die Schöpfer*innen nicht. Neil Gaimans Geschichten waren in einem finsteren Moment deines Lebens wichtig? Das dürfen sie auch weiterhin sein. Die Wirkung der Kunst auf dich kann dir niemand nehmen.
Was ich jedoch ganz sicher nicht tun werde, ist weitere Zeit und vor allem Geld in die Werke Neil Gaimans zu investieren. Ihn jetzt noch finanziell weiter profitieren zu lassen, während er seinen Reichtum anscheinend auch zum Missbrauch seiner Macht eingesetzt hat, kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Denn so trage ich auf Kosten der Opfer weiter dazu bei, dass der mutmaßliche Täter nicht nur ohne wirkliche Konsequenzen davonkommt, sondern arbeite ebenfalls mit an der Verfestigung seiner übermächtigen Position.
Das Luru Kino in der Leipziger Spinnerei im Sommer 2021
Anstatt sich zum Jahresende mit uninteressanten Rankings und Bilanzierungen aufzuhalten, versuchen Benni und Marcus durch persönliche und theoretische Perspektiven der Frage nach der Bedeutung, dem Platz, der Funktion des Films in unserer Gesellschaft nachzuspüren. Gibt es keine Geschichten mehr? Ist das Kino am Ende? Haben Serien und soziale Medien unsere Aufmerksamkeit gekapert?
Wie immer bieten Benjamin Johann und Marcus Stiglegger einen deutlich ausgeruhteren Blick auf Film als viele ihrer Podcast-Kolleg*innen. Das will ich hier nicht als besser oder schlechter framen. Es ist vielmehr immer wieder eine weitere, auf andere Arte und Weise bereichernde Perspektive.
Zur Zeit meiner filmischen Erweckung hätte ich mir einen Podcast wie diesen gewünscht. Es gibt da diesen einen herablassenden Spruch: „Die Pubertät ist dann vorbei, wenn man erkennt, dass FIGHT CLUB nicht der beste Film aller Zeiten ist." Das ist natürlich Quatsch. Aber es beschreibt dennoch eine Grenze, die nicht alle hinter sich lassen. Auch das ist weder gut noch schlecht, nur (k)eine Interessensverlagerung.
...sagt Christian Eichler of CUTS- und Geister-Fame. Und ich glaube, ich stimme ihm zu. Denn wer wie Christian ein bisschen Abstand nimmt von der etwas kulturkämpferischen Gemengelage rund um das Medium Videospiel, wird schnell merken: Games sind keine Kunst, aber sie können Kunst sein.
[...]Aber wenn „Neva", wenn „The Last of Us", wenn „Journey" für euch Kunst sind, weil die Musik laut aufgedreht ist, weil sie aussehen wie ein Film oder ein Gemälde. Und wenn das endlich zeigt, dass Videospiele Kunst sind... Sorry, dann sind Videospiele keine Kunst.
In meinen laienhaften Worten: Kunst definiert sich (für mich) über mehr als rein ästhetische Kategorien. Dem müssen auch Videospiele gerecht werden, wenn sie Kunst sein wollen.
(Eine ähnlich gelagerte Debatte darüber, was eigentlich Spaß im Kontext von Games ist, hat Christian auch beleuchtet. Lohnt sich ebenfalls!)
Mal wieder eine schöne aktuelle, essayistische Lange Nacht. Es geht um Geschichten vom Zusammenbruch und Abstieg – also den Niedergang, seine Geschichte, unsere Faszination mit Abstürzen, um in der Nordsee nach Atlantis suchende Nazis, um René Benko, die desaströse Schlecker-Pleite und andere Abgründe.
Spannend: Mubi will jetzt nicht mehr "nur" Filme streamen, verleihen und produzieren, sondern auch Bücher rund um (Film-)Kunst verlegen.
Mubi Editions wird das ganze heißen und nach eigenen Angaben in vier verschiedene Nischen hineinpublizieren:
Projections: Filmkunst und -geschichte
Auteurs: Bücher und andere Kunstwerke, die in Zusammenarbeit mit Künstler:innen und Filmemacher:innen geschaffen werden sollen
Internegatives: Texte, die bisher nur schwer zu bekommen waren, nicht mehr gedruckt und/oder neu übersetzt wurden
Lights!: Bücher, die sich um die Mubi-eigenen Titel drehen
Im April 2025 soll Read Frame Type Film das hochpreisige Geschäft zu 65 Euro einläuten. Gehen soll es um Text im Film, beteiligt war das am Pariser Centre Pompidou initiierten Forschungsprojekt "TypoFilm", das Text- und Grafikdesign im Film untersucht.
Klingt jedenfalls nach einem tollen Geburtstagswunsch und nach einer interessanten Ergänzung zu dem, was hierzulande etwa über den Taschen-Verlag zu bekommen ist.
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
Nach der einfach nur niederschmetternden Recherche des Spiegel zur sexualisierten (digitalen) Gewalt, die Collien Fernandes erfahren hat, lese ich viele Texte, von denen ich erst mal zwei hier festhalten möchte.
Jasmin Schreiber:
Wer auf diese Zahlen hinweist, bekommt verlässlich zu hören: Aber die meisten Männer sind doch anständig. Stimmt. Mein
Börsenverein-Vorsitzender Sebastian Guggolz zu Weimer in der ersten Reihe: „Ich bin stolz auf die Buchbranche, weil wir Ihren fragwürdigen autokratischer Gestus nicht akzeptieren“.
— Alexander Moritz (@dermonologist.bsky.social) 2026-03-18T18:38:15.923Z
Um es auch noch mal hier festgehalten zu haben: BKM Wolfram Weimer (parteilos) hat beim Festakt zur Eröffnung
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