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Kunst & Kultur

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Was macht Christoph Schlingensief (wieder) so gegenwärtig?

Vor 15 Jahren ist der Künstler gestorben. Die Zeit überdauert hat nicht nur sein Werk, sondern auch seine Themen. Die scheinen heute relevanter denn je.

Was macht Christoph Schlingensief (wieder) so gegenwärtig?
Christoph Schlingensief bei der Berlinale 2010 (Foto: Siebbi unter CC BY 3.0)

Christoph Schlingensief ist heute vor 15 Jahren gestorben. Was ihn immer noch – oder: schon wieder – so gegenwärtig macht, hat Thomas Wortmann von der Uni Mannheim im Gespräch mit Ulrich Biermann bei Corso im Deutschlandfunk erklärt.

Gegenwärtig macht ihn, dass die Gegenwart ihn in gewisser Weise eingeholt hat. Also Schlingensief hat ja in den 90ern schon Themen gesetzt wie Rassismus, Extremismus, Rechtsextremismus, auch Geschichtsrevisionismus. Fragen wie Inszenierung von Politik, inwiefern Oberfläche wichtiger wird als die Inhalte. Und das wirkt natürlich alles heute erschreckend aktuell.
15 Jahre nach Schlingensief - Was bleibt von seinem radikalen Erbe?

(via Thomas Wortmann via Repost von Johannes Franzen)

Aus gegebenen Anlass steht derzeit auch Bettina Böhlers großartige Annäherung an Christoph Schlingensief, IN DAS SCHWEIGEN HINEINSCHREIEN, kostenlos bis zum 20. November 2025 in der ARD-Mediathek. Ich habe den Dokumentarfilm 2020 tatsächlich im ersten Corona-Sommer im Kino gesehen und war sehr inspiriert.

WDR.DOK: Schlingensief: In das Schweigen hineinschreien - hier anschauen
Christoph Schlingensief hat ein künstlerisches Werk geschaffen, das in seiner Art und Wirkung unvergleichbar ist. Am 21. August 2010 verstarb er mit nur 49 Jahren. Mit seinen ‘Heimatfilmen’, seinen Aktionen und Interventionen in Theater, Fernsehen, Oper und Kunst hat der Regisseur über zwei Jahrzehnte den kulturellen und politischen Diskurs in Deutschland mitgeprägt. Im Fokus des Films steht hier der ‘Familienmensch’ (Schlingensief über Schlingensief), der in seinen Arbeiten gleichermaßen das Verhältnis zu den Eltern in Oberhausen und das Verhältnis zu Deutschland thematisiert hat.

„Über Zombies, Lyrik und unsere Hassliebe zur Kunst": Johannes Franzen bei Jan Skudlarek über Wut und Wertung

Gestritten wird schließlich immer!

„Über Zombies, Lyrik und unsere Hassliebe zur Kunst": Johannes Franzen bei Jan Skudlarek über Wut und Wertung
Foto: Frankie Cordoba / Unsplash

Anlässlich der Veröffentlichung seines Buches Wut und Wertung – Warum wir über Geschmack streiten taucht Johannes Franzen immer mal wieder in den verschiedensten Formaten zu diesem Thema auf. Es ist quasi the gift that keeps on giving, denn das Buch ist zwar bereits im Oktober 2024 erschienen, aber gestritten wird natürlich permanent.

Bei Jan Skudlarek im Podcast wird das Thema nun auch noch einmal aufgegriffen. Ich will das Gespräch empfehlen, weil die beiden nicht nur ein großes Augenmerkt auf die wissenschaftliche bzw. akademische Perspektive legen, sondern ihr auch genügend Raum und Zeit einräumen. Damit kann man als Laie nicht nur folgen, sondern ist hinterher auch klüger als vorher. Also jedenfalls bilde ich mir das ein 😉

Wim Wenders bei Alles gesagt?: „Es ist toll, wenn man fertig ist, loslassen kann und weiß: Das gehört jetzt jemand anderem."

Zum 80. Geburtstag des Filmemachers gibt es etwas mehr als sieben Stunden Gespräch mit der Zeit auf die Ohren.

Wim Wenders bei Alles gesagt?: „Es ist toll, wenn man fertig ist, loslassen kann und weiß: Das gehört jetzt jemand anderem."
Wim Wenders mit seiner Frau Donata auf der Berlinale 2024 (Foto: Elena Ternovaja unter CC BY-SA 3.0)

Mehr als sieben Stunden Gespräch mit Wim Wenders hat die Zeit am Donnerstag in ihrem Podcast Alles gesagt? veröffentlicht. Die allergrößten Hoffnungen hatte ich nicht, nachdem Jochen Wegner in der Ausgabe mit Thomas Ostermeier, dem künstlerischen Leiter der Schaubühne Berlin, Lars Eidinger sinngemäß in den Olymp der deutschen Schauspielkunst gehoben hat und dabei Film explizit mitmeinte 😅

Ich hab's mir natürlich trotzdem komplett gegeben. Sehr biografische sieben Stunden waren das, denn Jochen Wegner und Christoph Amend haben Wenders einfach sehr viel reden lassen – und das kann er am laufenden Band. Natürlich kann das durchaus auch dem Umstand geschuldet sein kann, dass die Folge am 80. Geburtstag von Wenders veröffentlicht und sicherlich auch vor diesem Hintergrund angerührt wurde.

Vier Dinge haben mir besonders gefallen:

  1. Claire Denis war vor ihrer eigenen Karriere als Filmemacherin Regieassistentin von Wim Wenders und hat ihm mit ihrem kühlen Kopf gleich mehrfach den Hintern gerettet.
  2. Harry Dean Stanton war davon überzeugt, seiner Rolle in PARIS, TEXAS (1984) nicht gewachsen zu sein. Also hat er sich mit Zustimmung von Wenders einen jüngeren Schauspieler mit ans Set geholt, dessen einzige Aufgabe es war, ihm gut zuzureden.
  3. „Es ist toll, wenn man fertig ist, loslassen kann und weiß: Das gehört jetzt jemand anderem." - Wim Wenders 🤝 mein Verständnis von Kunst.
  4. Wie Wenders Zweck und Arbeit seiner Stiftung beschreibt, was auf dem Verständnis fußt, dass die Filme eben denjenigen gehören, denen sie etwas bedeuten, und nicht mehr Wenders selbst.
Podcast “Alles gesagt?”: Wim Wenders, was ist die Zukunft des Kinos?
Der Regisseur von “Der Himmel über Berlin” wird 80 Jahre alt. Im Podcast erzählt er, dass er eigentlich Maler werden wollte. Und warum er nie für Netflix arbeiten wird.

„Übermenschliche Kräfte und einfache Lösungen": Die Lange Nacht über Superheld*innen

Vom idealogischen Wandel über die Bedeutung von Rollenvorbildern bis zu den (ökonmischen) Ungerechtigkeiten im Schöpfungs-, Rechte- sowie Verwertungschaos

„Übermenschliche Kräfte und einfache Lösungen": Die Lange Nacht über Superheld*innen
Foto: Yogi Purnama / Unsplash
Superman, Batman oder Wonder Woman mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten fungieren als moralische Vorbilder. Sie sind längst fester Bestandteil der Popkultur. Doch die Tradition heroischer Erzählungen geht bereits mehrere Jahrtausende zurück.

Christian Blees ist eine schöne Lange Nacht über Superheld:innen gelungen, die sich mit dem ideologischen Wandel des Genres, der Bedeutung von Rollenvorbildern und den (ökonmischen) Ungerechtigkeiten im Schöpfungs-, Rechte- sowie Verwertungschaos auseinandersetzt.

Dabei reicht das Feature bis an James Gunns neuen SUPERMAN heran, es ist also sozusagen auf dem aktuellsten Stand. Die eindrücklichste Stelle mit Bezug zum aktuellen Superheld*innenkino steht jedoch im Kontext von Marvel:

Ein Filmkritiker schreibt: „Zu Beginn des MCU konnte man sich für den Preis einer einzigen Kinokarte hinsetzen und eine Geschichte sehen, in der die Mächtigen tatsächlich dafür kämpften, dass die Welt ein besserer Ort wird. Jetzt kämpfen die Marvel-Superhelpen dafür, dass alles so bleibt, wie es ist. Selbst im Reich der ausgefallenen Fantasie sind die Mächtigen fest entschlossen, alles in einem erstickenden Status Quo zu halten. Es gibt keinen Grund auf dieser großen blauen Kugel namens Erde, sich für irgendetwas zu interessieren, was in einem Marvel-Film passiert.« Das MCU hat sich mit seiner eigenen Unwichtigkeit selbst verwundet. Zwei Stunden lang passiert nichts. Dann wird angekündigt, dass der nächste Film tatsächlich wichtig sein wird. Und im nächsten Film passiert wieder nichts."

(Diesen Filmkritiker nicht namentlich zu zitieren, ist natürlich bodenlos schlechter Stil.)

Superhelden: Moralische Vorbilder für die Gesellschaft?
Übernatürliche Kräfte, bunte Kostüme und Moral zeichnen viele Superhelden wie Batman oder Spiderman aus. Was macht sie aus und wer waren ihre Vorgänger?

Die unheimlich schönen Lithografien vom jüdischen Leben vor den Pogromen im Ersten Weltkrieg

Issachar Ber Ryback hat Szenen aus seinem Heimatdorf in der Ukraine festgehalten, bevor es von russischen Streitkräften zerstört wurde.

Die unheimlich schönen Lithografien vom jüdischen Leben vor den Pogromen im Ersten Weltkrieg

Die Kolleg*innen vom Public Domain Review haben eine Auswahl von extrem eindrücklichen Lithografien von Issachar Ber Ryback zusammengetragen.

The images depict scenes of Ryback's home village in Ukraine before it was destroyed in the pogroms following World War I, a fate which seems ominously echoed in the torturous angles and distortions of form in which he represents the daily activities of village life.

„Torturous angles" ist so eine großartige Beschreibung für diese Bilder. Mich fasziniert es, wie die Figuren sich einerseits irgendwie super elegant in ihre Umgebung einfügen und mit ihr fast verschmelzen, andererseits doch so klar in anderen, oft runderen, freundlicheren Formen existieren.

Shtetl, My Destroyed Home: A Remembrance (1922)
Selection from a set of 30 lithographs by the Russian painter Issachar Ber Ryback, dating mostly from 1917 and published in a book in 1922, depicting scenes of Ryback’s home village in Ukraine before it was destroyed in the pogroms following World War I.

Raffael hat Wissenschaft mitten im Herzen der katholischen Kirche abgefeiert

War der Maler ein renaissancistischer Troll? Wahrscheinlich nicht. Aber der Gedanke gefällt mir trotzdem.

Raffael hat Wissenschaft mitten im Herzen der katholischen Kirche abgefeiert

Aus der Reihe TIL:

In the early 1500s, two of the greatest artists of all time were working just a few rooms apart in the Vatican. Michelangelo was painting the ceiling of the Sistine Chapel at the same time Raphael was working on a painting in the Pope’s private library: The School of Athens. Both are considered masterpieces of the Renaissance. Michelangelo’s work sets out to reveal divine truth through the human form, while Raphael’s work celebrates human intellect and classical heritage. Two defining ideas of the Renaissance.

Es erscheint mir jetzt prinzipiell viel spannender als zuvor, mich mit der Kunst im Vatikan ein bisschen mehr auseinanderzusetzen. Denn mir war bisher nicht klar, wie sehr Raffael in seinem Fresko Die Schule von Athen geistige und wissenschaftliche Errungenschaften der Menschheit ins Zentrum stellte – ausgerechnet mitten im Herzen der katholischen Kirche, was für mich total widersprüchlich erscheint.