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Kunst & Kultur

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Posts tagged with Kunst & Kultur

Warum die Lust an der Gewalt? (Neues von Contrapoints)

Die Durststrecke hat praktisch ein ganzes Jahr angedauert, aber nun hat uns Natalie Wynn endlich wieder mit einem neuen Video bedacht! Entlang der SAW-Filmreihe setzt sie sich über anderthalb Stunden hinweg mit der filmischen Inszenierung von Gewalt auseinander und fragt sich, warum wir als Publikum bestimmte Gewalt abstoßend, andere anziehend oder gar befriedigend finden.

Das Essay funktioniert natürlich auch, wenn man keinen einzigen SAW gesehen hat. Ich zum Beispiel habe mir das – und anderen Torture-Porn – bisher nicht angetan und plane es eigentlich auch nicht. Mir erschien die Gewalt in der Reihe von außen betrachtet immer sehr beliebig, zynisch und eben auch grotesk und schlicht eklig.

„Alles, was tief ist, liebt die Maske": Lange Nacht über die Scham

„Alles, was tief ist, liebt die Maske": Lange Nacht über die Scham
Foto: The New York Public Library / Unsplash

Eine wirklich schöne Lange Nacht über die Scham, wie ich finde. Die Dekonstruktion dieses heute doch klar negativ behafteten Gefühls und das Nachzeichnen dessen, wie sich unsere Bewertung der Scham im Laufe der Jahrhunderte, sogar Jahrtausende verändert hat, hat mir sehr gefallen.

Alles, was tief ist, liebt die Maske. Alles, was tief ist, liebt die Scham. Ohne Scham kein Verbergen. Ohne Verbergen kein Öffnen. Ohne Öffnen keine Intimität. Ohne Intimität keine Liebe. Ohne Liebe keine Erlösung.

Das Feature fragt selbst, ob das nicht zu kitschig ist. Und ja, da mag was dran sein. Aber mich hat's trotzdem irgendwie abgeholt, weil es die vielen Gesichter der Scham abbildet und ihnen den Schrecken nimmt.

Das Gefühl der Scham - Unsagbar peinlich
Sie ist ein intensives, unmittelbares und unfassbares Gefühl: Die Scham ist vielschichtig und hat psychische, gesellschaftliche und körperliche Aspekte.
Wir möchten im Boden versinken oder weit weg sein und uns dem Blick der anderen entziehen: Die Scham ist heiß, schnell und langsam zugleich. Es dauert eine Weile, bis sie wieder verschwindet. Ein Blick auf die Aspekte eines vielschichtigen Gefühls.

Die gute Nachricht: Bedinungsloses Grundeinkommen für irische Künstler*innen

Irland, Kleeblätter, Glück, absolut verdient, diesdas.

Die gute Nachricht: Bedinungsloses Grundeinkommen für irische Künstler*innen
Foto: Zhang Xinxin / Unsplash

Die Nachricht ist schon ein paar Tage älter, aber die Taz hat sie in ihrer Wochenendausgabe jetzt als gute Nachricht noch einmal hervorgehoben: Ein irisches Pilotprojekt, in dem Künstler*innen ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgezahlt wurde, soll nach einer schon einmal verlängerten Testphase ab September 2026 tatsächlich dauerhaft verfügbar gemacht werden.

Eine begleitende Studie liefert nämlich beeindruckend eindeutige Ergebnisse über das Wohlbefinden und die gesteigerte Produktivität der Teilnehmenden. Demnach investieren sie deutlich mehr Zeit in ihre kreative Arbeit, stellen häufiger neue Werke fertig und können mit höherer Wahrscheinlichkeit von ihrer Kunst leben. Davon profitierten nicht nur sie selbst, sagt [Kulturminister] O’Donovan, sondern auch die Gesellschaft im Ganzen.

Ich liebe alles daran ❤️‍🔥

Irland führt Grundeinkommen für Künst­le­r*in­nen ein
Wenn sie sich keine Sorgen darum machen müssen, wie sie am Ende des Monats ihre Miete bezahlen sollen, sind Kunstschaffende psychisch stabiler und produktiver. Das zeigt ein 2022 gestartetes Pilotprojekt aus Irland, das 2.000 Kreative aus Bereichen wie Musik, Film, Schauspiel und Literatur für mehr als drei Jahre ein monatliches Einkommen von 1.300 Euro zusichert. Zuletzt verlängerte Kulturminister Patrick O’Donovan das Projekt bis Februar 2026, nun lässt er in einer Pressemitteilung verkünden: Das „Basic Income for the Arts“, also das Grundeinkommen für die Künste, soll es ab September 2026 dauerhaft geben. Eine begleitende Studie liefert nämlich beeindruckend eindeutige Ergebnisse über das Wohlbefinden und die gesteigerte Produktivität der Teilnehmenden. Demnach investieren sie deutlich mehr Zeit in ihre kreative Arbeit, stellen häufiger neue Werke fertig und können mit höherer Wahrscheinlichkeit von ihrer Kunst leben. Davon profitierten nicht nur sie selbst, sagt O’Donovan, sondern auch die Gesellschaft im Ganzen. Katharina Federl

(Tatsächlich würde mich natürlich auch ein bisschen interessieren, was das etwa an konkret eingesparten und zuvor von der Solidargemeinschaft getragenen Kosten für etwa psychotherapeutische der psychiatrische Versorgung bedeutet. Aber dieses Interesse kommt mir doch selbst ein bisschen schmutzig vor, weil es hier doch um mehr geht und gehen sollte, als eine volkwirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung.)

Bücher ohne Namen? Der Tod der Autor*in hilft den Arbeiter*innen auch nicht

Michel Foucault kann sich hinsetzen, Daniel Loick hat einen viel zeitgemäßeren Vorschlag.

Bücher ohne Namen? Der Tod der Autor*in hilft den Arbeiter*innen auch nicht
Foto: NOAA / Unsplash

Vor Beginn der Frankfurter Buchmesse beschäftigt sich Daniel Loick im Deutschlandfunk Kultur mit der Frage, ob Autor*innen überhaupt noch auf Büchern öffentlich gemacht werden sollten, um die Kunst zu diesem „Ballast" zu befreien und für sich stehen zu lassen – also so, wie es Michel Foucault mit seinem Jahr ohne Namen einst vorgeschlagen hat.

Meinung - Eine Befreiung der Literatur könnte neue Horizonte öffnen
Michel Foucault schlug 1980 ein Spiel vor, das „Jahr ohne Namen“. Bücher ohne Nennung der Autorschaft zu veröffentlichen - eine Idee von großer Aktualität.

Ich bin da durchaus zwiegespalten. Denn einerseits bin ich überzeugter Anhänger des Todes der Autor*in. Sobald ein Kunstwerk in der Welt ist, gehört es ausschließlich – außer natürlich im materiellen Sinne – den Rezipierenden. Andererseits entsteht und existiert Kunst selbstverständlich nicht im luftleeren Raum. Der Hintergrund und die Überzeugungen der Schöpfer*in spielen immer eine Rolle. Sich dieser Dimension zu entledigen, legt schließlich meiner Meinung nach einen viel zu großen Fokus auf rein ästhetische Kriterien.

Das will ich wiederum niemandem absprechen, aber diese Perspektive auf Kunst fühlt sich für mich viel zu verengt an und ist für mich daher uninteressant. Viel interessanter ist dann wieder Daniel Loicks Vorschlag, neben Autor*in auch die Namen aller anderen an der (physischen) Produktion Beteiligten mit auf den Einband zu drucken. Das würde zumindest ein kleines bisschen einem Geniedenken den fruchtbaren Boden entziehen. Zumindest beim Film ist das ja schon längst gewerkschaftlich erstrittener Usus.

„Vier Töne gegen Stalin" - Ein Podcast über das komplizierte Vermächtnis von Dmitri Schostakowitsch

Opportunistischer Propagandist, Propagandist wider Willen oder subtiler Widerständler?

„Vier Töne gegen Stalin" - Ein Podcast über das komplizierte Vermächtnis von Dmitri Schostakowitsch
Foto: Dmitri Schostakowitsch im Publikum der Bachfeier 1950 in Leipzig

Durch Empfehlung von Alexander Matzkeit bin ich auf den vierteiligen Podcast Vier Töne gegen Stalin – Der Fall Schostakowitsch gekommen. Also eigentlich sind das vier zusammenhängende Episoden des Podcasts Alles Geschichte. Aber Potato, Potatoe.

Jedenfalls rollt der Musikjournalist Malte Hemmerich darin das komplizierte und nicht ganz klare Vermächtnis von Dmitri Schostakowitsch auf und geht der Frage nach, ob er nun opportunistischer Propagandist im Sinne Stalins, Propagandist wider Willen oder subtiler Widerständler war.

Wirklich gut gefallen hat mir die Auswahl an Gesprächspartner*innen, die Schostakowitschs Kompositionen, deren Feinheiten und ästhetische Symbolkraft wirklich klar greifbar machen. Das behaupte ich jedenfalls nicht nur als Schostakowitsch-, sondern auch als Laie in Sachen klassischer Musik.

Pluspunkt ist auch, dass die vier Episoden nicht mit Gewalt in so ein bereits völlig ausgeleiertes und bis zum Erbrechen wiederverwendetes True-Crime-Förmchen gepresst wurde.

Außerdem bin ich so auch auf Malte Hemmerichs SWR-Podcast Score Snacks aufmerksam geworden, in dem er sich tiefgreifend mit der Musik großer und kleiner Filme auseinandersetzt.

Was mir hingegen so gar nicht gefallen hat: Alle vier Folgen tragen sehr offensiv diesen „Krass, was für einen Aufriss Stalin um ein paar Noten gemacht hat; ist doch nur Musik"-Gestus vor sich her. Das lässt mehrere Schlüsse zu, die alle nicht sonderlich für die Redaktion sprechen:

  1. Man versucht sich hier auf vermeintliche Augenhöhe mit einem Publikum zu begeben, dem man nicht zutraut, Kunst ernst zu nehmen.
  2. Dieser Gestus infantilisiert Musik im Speziellen und Kunst im Allgemeinen regelrecht, spricht ihr ihr Potenzial und ihre Macht ab.
  3. Man ist selbst davon überrascht, welche Macht die Kunst haben kann.

(Direktlink)

Jules Vernes 1870er Ausgabe von „Von der Erde zum Mond" ist wunderschön illustriert

Wunderschön und wunderschön unheimlich.

Jules Vernes 1870er Ausgabe von „Von der Erde zum Mond" ist wunderschön illustriert

Die Kolleg:innen drüben beim Public Domain Review haben wieder einmal absolute Illustrationsperlen zusammengesucht – dieses mal aus den Federn von Émile-Antoine Bayard und Alphonse de Neuville für die 1870er Fassung von Jules Vernes Von der Erde zum Mond.

Für mich kommt da so viel zusammen: etwas kosmischer Horror, ein Hauch von Megastructure-Unbehagen, die Bedrohung im Ungewissen und gleichzeitig ein mutiger Aufbruchs ins Unbekannte.

Émile-Antoine Bayard’s Illustrations for Around the Moon by Jules Verne (1870)
Arguably the very first images to depict space travel on a scientific basis, these wonderful illustrations are the work of the French illustrator Émile-Antoine Bayard.

Wer dadurch Bock auf die Geschichte bekommt: Von der Erde zum Mond und Reise um den Mond gibt es gerade von Rufus Beck gelesen in der ARD-Audiothek. Wer lieber selbst lesen will, wird beim Projekt Gutenberg fündig, da die Werke natürlich längst gemeinfrei sind.