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Filmkritik

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Gesehen: Des Teufels Bad (2024) - Vom Pech geboren zu sein

Gesehen: Des Teufels Bad (2024) - Vom Pech geboren zu sein
Anja Plaschg als Agnes // © Plaion Pictures

Ohne zunächst wirklich etwas über den historischen Hintergrund zu wissen, habe ich hier ständig ein Abkippen in den Folk-Horror erwartet. Doch das Folk lässt auf sich warten und einen irgendwann sitzen, weil dieser Horror gänzlich real ist. Das macht den Film zu einem der unangenehmsten, die ich in jüngster Zeit gesehen habe.

Ein paar Mal bemühen Veronika Franz und Severin Fiala das Bild der Berge, von denen herab kein Tal, sondern nur eine undurchdringliche Nebeldecke zu sehen ist. Es scheint, als ob dieser Nebel den Horror der Filmwelt von unserer Welt abgrenzt. Doch denken wir das einmal ein paar Zentimeter weiter: Wenn sich der Nebel irgendwann verzieht, sehen wir, dass dahinter die ganze Zeit nur ein weiterer Teil unserer Welt verborgen lag. Es ist nicht die Hölle, die Unterwelt oder ein Purgatorium. Es ist unsere Welt. Genau darin liegt für mich dieser unangenehme Horror des Films. Es ist ein Horror, dem einfach nicht zu entkommen ist. Wer das Pech hat, geboren zu werden, wird von ihm unweigerlich in Beschlag genommen.

Die von Anja Plaschg gespielte Protagonistin Agnes hat dieses Pech, auf die Welt gekommen zu sein. Weil sie (als Frau) existiert, schlägt ihr (patriarchale) Feindseligkeit entgegen. Sie wird für das Unvermögen anderer erniedrigt und bestraft. Eine Existenz in dieser Welt ist permanentes Aushalten, ein dauerhaftes Ankämpfen gegen das Verlangen, aus diesem Leben und damit wieder aus dieser Welt zu treten.

Besonders Frauen leiden unter diesem System, letztlich aber jeder Mensch. Denn auch von Agnes' Mann wird erwartet, dass er seiner Frau drölfzig Kinder macht. Aber wie soll das gehen, wenn die Arbeit von früh bis spät den Körper bereits bis zur Dysfunktion ausgelaugt hat?

Will man wirklich Kinder in diese Welt setzen? Seinen eigenen soll dieser Moloch lieber erspart bleiben. Bereits geborene sind auf dem besten Weg, zum Fortbestand dieser Welt beizutragen. Doch das muss verhindert werden...

★★★½☆

🇦🇹/🇩🇪, R: Veronika Franz, Severin Fiala, D: Anja Plaschg, Maria Hofstätter, David Scheid, Natalija Baranova, Lukas Walcher, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Plaion Pictures

Des Teufels Bad - Stream: Jetzt Film online anschauen
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Gesehen: Nosferatu (2024) - Warum nicht Frank Miller?

Gesehen: Nosferatu (2024) - Warum nicht Frank Miller?
Lily-Rose Depp als Ellen // © Universal Pictures International Germany

Mir hat es gefallen, wie Robert Eggers hier im Vergleich zu Murnaus Original seine Fassung viel offener in psychosexuelle Sphären abdriften lassen kann und so letztlich auch eine moderne Geschichte über die Dimensionen des Begehrens erzählt.

Eggers schafft mit seinem Natural-Light-Fetisch auch viele visuell vereinnahmende Momente. Das sind nicht bloß billige Schattenspiele, sondern ein Dekonstruieren von Raum und Zeit, was dadurch stattfindet. Es ist die Abwesenheit von digitaler Tricktechnik, die diese Momente so einprägsam und albtraumhaft werden lässt.

Das Ganze außerdem als Allegorie auf die zersetzende Kraft psychischer Erkrankungen wie Depressionen oder bipolare Störungen zu lesen, mag auf der Hand liegen. Aber es geht eben auch einfach gut auf.

Ästhetisch wie inszenatorisch scheint Eggers jedoch in einer Art diffuser Zwischenwelt gefangen – mit zu viel Respekt vor Murnaus Werk auf der einen und dem Drang, etwas Moderneres zu schaffen, auf der anderen Seite. Zwischen diesen Polen verharrt der Film in einer komischen Stasis. Wirkliche Wagnisse geht Eggers nicht ein.

Doch vielleicht hätte dem Film genau das gutgetan. Es gibt etwa Momente, die in ihrer visuellen Ausgestaltung nur noch einen Schritt von SIN CITY entfernt sind. Ich glaube, ein NOSFERATU, der diesen Schritt geht, wäre für mich ein viel interessanterer gewesen.

★★★½☆

🇺🇸, R: Robert Eggers, D: Lily-Rose Depp, Nicholas Hoult, Bill Skarsgård, Bill Skarsgård, Willem Dafoe, Emma Corrin, Ralph Ineson, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International Germany

Nosferatu - Der Untote - Stream: Jetzt Film online anschauen
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Gesehen: Mothering Sunday (2021) - Die Regeln der Monotonie

Gesehen: Mothering Sunday (2021) - Die Regeln der Monotonie
Josh O’Connor und Odessa Young // © Tobis Film

Das ist einer dieser Historienfilme, bei denen mir besonders auffällt, wie sehr er sich mit der Monotonie dieses Alltags auseinandersetzt – ein Alltag mit den immer gleichen Abläufen nach den immer gleichen strikten Regeln innerhalb starrer gesellschaftlicher Konventionen, durch den die Figuren mit ihrer krampfhaft-konformistischen Art und dazu passender versteinerter Miene wie in Trance wandeln.

Wer in dieser Welt Frau ist, entwickelt zwangsläufig eine außerordentliche Beobachtungsgabe – nicht, um Mäuschen zu spielen und hinterher ein tolles Buch schreiben, sondern um unter dem Radar fliegen zu können.

Boys will be boys, wenn Männer vom erwarteten Verhalten abweichen. Frauen drohen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung schwerwiegende Konsequenzen – sei es ökonomischer oder physischer Natur.

★★★½☆

🇩🇪/🇬🇧, R: Eva Husson, D: Odessa Young, Josh O’Connor, Sope Dirisu, Patsy Ferran, Emma D’Arcy, Olivia Colman, Colin Firth, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Tobis Film

Ein Festtag - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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Gesehen: September 5 (2024) – Die Regeln des Spiels

Gesehen: September 5 (2024) – Die Regeln des Spiels
© Constantin Film Verleih, Jürgen Olczyk

Die Versuchung muss verdammt hoch gewesen sein, diesen Film mit Journalist:innen-Pathos unter sich zu begraben. Aber nein, hier wird nicht hochtrabend über die Bedeutsamkeit der vierten Gewalt schwadroniert. Hier erklären die Taten das Selbstverständnis dieser Journalist:innen.

Jeder vermeintlichen Pathos-Rampe wird im letzten Moment ausgewichen, weil immer und immer wieder die Realität in diese Momente hereinbricht und innerhalb kürzester Zeit folgenschwere Entscheidungen erzwingt. Es bleibt schlicht keine Zeit, schwülstig über die Rolle des Journalismus daherzulabern, es muss funktioniert werden.

Dieses Funktionieren, diesen Tunnel, der sich in Nachrichtenlagen auftut und in den man sich als Journalist:in begibt, das inszeniert Tim Fehlbaum wirklich brillant und nuanciert. Einerseits treibt er die Spannung von einem Moment auf den anderen ins Unermessliche, andererseits herrscht gleichzeitig eine beeindruckende Ruhe, weil das Auge des Sturms bereits da ist.

Diese Atomsphäre wird in ihrer Dichte in keiner Sekunde gebrochen, weil dieser Raum praktisch nie verlassen wird. Der Film schneidet etwa nie zu Szenen im Olympic Village, sondern zeigt tatsächliches (und sicherlich auch nachinszeniertes, aber das weiß ich nicht sicher) Archivmaterial und das wiederum auch weitestgehend durch den Filter eines Bildschirms hindurch.

Auch die meisten ABC-Journalist:innen erleben das Geschehen nur durch diesen Filter und müssen auf dieser Basis Entscheidungen treffen – große Entscheidungen, die im Zweifelsfall Leben oder Tod für Menschen bedeuten, aber auch unendlich viele kleine, die im Bruchteil von Sekunden abzuwägen sind.

Es ist menschliche und journalistische Realität, dass in der Retrospektive nicht immer die richtige Entscheidung getroffen werden kann. Es passieren Fehler. Es passieren schwere Fehler. Dass dem immer und immer wieder so ist, liegt in der Natur des Jobs. Mal gewinnt, mal verliert man das Spiel. Sicher ist nur: Morgen steht ein neues Spiel auf dem Plan – dafür musst du das alte hinter dir lassen und mit dem durch zuvor unterlaufene Fehler neugeformten Wissen das neue beginnen.

★★★★½

🇩🇪/🇺🇸, R: Tim Fehlbaum, D: John Magaro, Leonie Benesch, Peter Sarsgaard, Ben Chaplin, Zinedine Soualem, Georgina Rich, Corey Johnson, Marcus Rutherford, Daniel Adeosun, Benjamin Walker, Ferdinand Dörfler, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Constantin Film Verleih, Jürgen Olczyk

September 5 - The Day Terror Went Live - Stream: Online
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Gesehen: Crazy (2000) - Ambivalenzen akzeptieren

Gesehen: Crazy (2000) - Ambivalenzen akzeptieren
Robert Stadlober // © Constantin Film

Trifft viele richtige Töne – vor allem die zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, deren Existenz diese Figuren erst für sich erkennen müssen. Erwachsenwerden ist auch das Erkennen und Akzeptieren von Ambivalenzen.

Interessant waren hier für mich die Leerstellen, die Löcher, die niemand stopft. Denn dadurch geht es um (pubertäre) Rollenvorstellungen und Selbstbilder, die diese jungen Menschen nahezu orientierungslos für sich selbst formen müssen – weil es offenkundig keine Vorbilder gibt.

Manchmal fiel es mir nur schwer, einen wirklichen Unterschied zwischen der im Film persiflierten Bravo-Fotolovestory und dem Rest auszumachen

★★★☆☆

🇩🇪, R: Hans-Christian Schmid, D: Robert Stadlober, Tom Schilling, Oona-Devi Liebich, Julia Hummer, Can Taylanlar, Christoph Ortmann, Joseph Bolz, Willy Rachow, Dagmar Manzel, Burghart Klaußner, Mira Bartuschek, Jörg Gudzuhn, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Constantin Film

Crazy - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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Gesehen: Baby Invasion (2024) - Number go up

Gesehen: Baby Invasion (2024) - Number go up
© EDGLRD

Ästhetisch betrachtet eine konsequente und logische Weiterentwicklung von AGGRO DR1FT, die sich jedoch weniger für Ideologie, sondern viel mehr für das tiefgreifenden Umwälzungen unterliegende menschliche Miteinander interessiert.

Die Welt von BABY INVASION ist auf die Spitze getrieben, auf welcher Reise sich Twitch, Youtube, Tiktok und Co. längst befinden. Parasoziale Beziehungen lassen wenige von der Aufmerksamkeit vieler immer stärker profitieren, während die Gewöhnung an die asynchrone Natur dieser Verbindungen dazu führt, dass reales Miteinander zersetzt wird.

Wenn wir unsere Art der Kommunikation und unseren Medienkonsum aufhören zu hinterfragen, sind wir endgültig einer Eskalationsspirale ausgeliefert, weil es nur noch um das Binden von Aufmerksamkeit und number go up um jeden Preis geht.

★★★½☆

🇺🇸, R: Harmony Korine, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: EDGLRD