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Filme & Serien

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Der peinliche Fühlifühli-Journalismus des Hollywood Reporters

Der peinliche Fühlifühli-Journalismus des Hollywood Reporters
© Vincentas Liskauskas / Unsplash

Beim Hollywood Reporter ist derzeit ein, wie soll ich sagen, interessantes Stück zum Thema „alte" Filme und deren Fehlen in den Katalogen von Netflix und Co. zu lesen. Autor Benjamin Svetkey scheint das Herz immerhin am rechten Fleck zu haben.

How Streaming Is Making Us All Cinema-Illiterate
The oldest title available on Netflix last month was 1973’s ‘The Sting.’ Where does that leave the next generation of film lovers?
The great promise of streaming, of course, was supposed to be a world in which every movie ever made would be immediately viewable at the touch of a button. [...] And yet, as it turns out, the streaming revolution has been something of a disaster for classic movies. It has, in fact, been slowly and methodically wiping the collective culture’s memory of anything made before … well, 1973 seems about right.

Seine Kritik richtet sich hier völlig zu Recht an die großen Streaming-Anbieter – nur um dann den kurzsichtigsten Take, den ich je dazu gelesen habe, nachzuschieben.

Why would viewers today bother to search Apple TV+ or Google Play for a classic film like, say, The African Queen, when their Netflix home screens are already beckoning them with original offerings like Kinda Pregnant and La Dolce Villa? Of course, there’s every reason they should watch John Huston’s 1952 adventure story — not the least of which is Bogart and Katharine Hepburn’s bristly onscreen chemistry — but most won’t. They’ll watch Amy Schumer strap on a fake belly bump instead. Because there isn’t a Late, Late Show making them watch the good movie.

Svetkey schreibt es selbst und verpasst es, auch nur einen einzigen produktiven Schluss daraus zu ziehen. „Because there isn’t a Late, Late Show making them watch the good movie." Das ist natürlich unglaublicher Quatsch. Es ist richtig, dass es eben nicht mehr die Late Late Show ist. Dafür bespielen andere Tastemaker:innen das Feld. Wer an Film(geschichte) interessiert ist, wird ohne Aufwand fündig werden.

Wer hingegen schon damals™ etwas nur geschaut hat, wenn Tom Snyder oder Craig Kilborn es gesagt haben, war höchstwahrscheinlich auch schon damals™ passive:r Zuschauer:in, gar nicht explizit an „guten" Inhalten interessiert und damit auch nicht „besser" als alle, die sich heute vom Netflix-Algorithmus ihren Filmkonsum diktieren lassen.

Einen „guten Klassiker" einfach gedankenlos wegzukonsumieren ist in meinen Augen nicht sonderlich weit davon entfernt, die nächste Folge Love is Blind zu ballern, weil es groß auf der Netflix-Home ist.

Ich finde es befremdlich, ein so kritisches Thema für Kultur, Gesellschaft und Industrie mit so viel unbelegtem Fühlifühli aus dem Bauch heraus abzuarbeiten. Es ist unfassbar belanglos und egal, was Humphrey Bogarts Sohn Stephen dazu meint. Der findet in diesem Artikel sowieso nur statt, um seinen neuen Dokumentarfilm zu bewerben. Wo sind die handfesten Statistiken, die Anfragen an die Streaming-Dienste, die Einschätzungen von Filmhistoriker:innen und anderen Wissenschaftler:innen?

Peinlich.

Das „Fielderverse"-Centerpiece „The Rehearsal" bekommt einen Teaser samt 2. Staffel

Das „Fielderverse"-Centerpiece „The Rehearsal" bekommt einen Teaser samt 2. Staffel
Szene aus dem Teaser zu Staffel 2 von „The Rehearsal" // Screenshot: HBO

Vor gut einem Jahr habe ich das komplette Fielderverse praktisch am Stück durchgesuchtet. Das Centerpiece war für mich seitdem immer The Rehearsal. Denn was Nathan Fielder in diesen sechs Episoden veranstaltet hat, lässt das Vorgängerformat Nathan for You und die nachfolgende Miniserie(?) The Curse in völlig neuem Licht dastehen. Ist alles ein von langer Hand geplantes, zusammenhängendes Kunstwerk? Sind wir Teil dieses Kunstwerks? Und in welcher Schachtel steckt eigentlich das Konzept, das wir als „Realität" kennen?

Vor einem Jahr schrieb ich: „Charlie Kaufmans SYNECDOCHE, NEW YORK (2008) wirkt dagegen zunehmend wie Kindergeburtstag." Und ich fürchte, dieser Eindruck wird sich nur verstärken. Denn mittlerweile ist – für mich komplett aus blauem Himmel – ein Teaser für Staffel 2 von The Rehearsal gedroppt. Ab 20. April soll es bei HBO Max losgehen. Ich hoffe einfach, dass das parallel oder zumindest zeitnah auch bei uns aka Wow landet. (Aber RTL hatte auch irgend einen HBO-Deal, oder?)

Jedenfalls bekam ich kurz Schnappatmung. Enjoy!

Ist Anora eine neorealistische Disney-Prinzessin?

Ist Anora eine neorealistische Disney-Prinzessin?
Mikey Madison als Ani in Sean Bakers „Anora" // (c) Universal Pictures International

Letztlich ist der Titel dieses Videos nur ein Türöffner mit aktuellem Bezug, um über Sean Bakers Grenzgänge zu reflektieren. Baker selbst sieht sich in der Tradition des Italienischen Neorealismus, andere sehen in seinem filmischen Schaffen ausbeuterischen Milieukitsch. Seine Filmenden werden oftmals kontrovers diskutiert, zuletzt auch bei seinem Cannes-Gewinner ANORA. Aber das überschattet manchmal die geleistete Vorarbeit an der Figur. Und die hat sich Borey Deschanel hier noch mal genauer angeschaut – auch im Kontext von Bakers vorheriger Filmografie.


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3sat-Doku zeigt „Rainald Grebe - Der Tod im Leben. Unheilbar krank zum größten Auftritt"

3sat-Doku zeigt „Rainald Grebe - Der Tod im Leben. Unheilbar krank zum größten Auftritt"
Rainald Grebe bei seinem Auftritt auf der Berliner Waldbühne 2023 // (c) 3sat, ZDF, Filmbergwerk, Bärbel Bielek
„Wollt ihr noch eine Nacht mit mir verbringen? Es könnte die letzte sein!"

Bärbel Bielek hat ein schönes kleines Filmchen über Rainald Grebe gemacht auf dessen Weg zur Berliner Waldbühne 2023. Es ist einfach absurd, wenn Grebe davon spricht, wie er in den vergangenen Jahren elf Schlaganfälle selbst bemerkt hat und wohl noch zahlreiche mehr unter seiner Wahrnehmungsschwelle abliefen.

Es ist zunächst ein Auftritt wie unzählige zuvor, als Rainald Grebe am 26. März 2017 in Düsseldorf die Bühne betritt. Dann aber hat er Texthänger und spürt, dass etwas nicht stimmt. Er macht weiter – bis ihm schließlich schwarz vor Augen wird. Grebe hat einen Schlaganfall, mitten auf einer Tour.

Seit mehr als 20 Jahren steht Rainald Grebe erfolgreich als Kabarettist auf der Bühne, gewinnt zahlreiche Preise. Für seine Bundeslandhymnen wird er deutschlandweit gefeiert. Plötzlich ist er krank. Als er nur noch mit einem Rollator laufen kann, denkt er zunächst: Das war's. Aber er kämpft sich zurück, will leben und auftreten. 2021 wird er abermals zurückgeworfen: Schlagzeuger Martin Brauer stirbt, ein Freund und Wegbegleiter. Rainald Grebe trauert, leidet. Und fasst doch den Plan: Er will auf die große Bühne, die Waldbühne Berlin soll es sein, im Sommer 2023. Der Plan scheint absurd, körperlich ist er alles andere als bereit dafür. (Pressemitteilung)
Rainald Grebe: Der Tod im Leben. Unheilbar krank zum größten Auftritt
Porträt über das “Werden” der Show des Kabarettisten auf der Waldbühne in Berlin im Juli 2023.

„Dear fellow humans..." – Tilda Swintons messerscharfe Rede auf der Berlinale 2025

„Dear fellow humans..." – Tilda Swintons messerscharfe Rede auf der Berlinale 2025
Foto: Elena Ternovaja unter CC BY-SA 3.0; Zuschnitt von mir

Die fantastische Tilda Swinton ist die Ehrenpreisträgerin der diesjährigen Berlinale und ihre Dankesrede war eine absolute Wucht. Patrick Wellinski brachte es drüben auf Bluesky bereits auf den Punkt: „Kann man sagen, was man will, aber das war rhetorisch eine hoch präzise und brutal intelligente Rede, in wunderschönem britischen English. Sowas gibt es in Cannes nicht."

We can head for can head for the great independent state of Cinema and rest there; an unlimited realm, innately inclusive, immune to efforts of occupation, colonization, takeover, ownership or the development of riviera property. A borderless realm and with no policy of exclusion, persecution or deportation, no known address, no visa required. It's so very very good for us to wonder at the world and to be surprised by admiration for each other, rather then shocked speechless by our cavalier mean-spiritedness and cruelty. To notice our myriad variations and to unite in celebrating them, rather than resign ourselves to a submission, to entitled domination and the astonishing savagery of spite.

Guillermo del Toro über die unsterbliche Liebe zur „doomed religion" Stop-Motion-Animation

Guillermo del Toro über die unsterbliche Liebe zur „doomed religion" Stop-Motion-Animation
Guillermo del Toro 2017 in Sitges // (c) GuillemMedina unter CC BY-SA 4.0
Animation is made by humans. And that's what makes it moving.

Guillermo del Toro war vor ein paar Monaten beim British Film Institute und hat vor Publikum über seine so geliebte Kunstform der Stop-Motion-Animation gesprochen. Und brennenden Menschen beim Reden über ihre Herzensangelegenheiten zuzuhören, ist immer großartig – auch hier. Zwei Momente haben es mir besonders angetan.

Es berührt mich sehr, wie ehrlich, wertschätzend, dankbar, bewundernd und voller Wärme Guillermo del Toro über Mark Gustafson, seinen Co-Regisseur bei PINOCCHIO, spricht. Gustafson ist im Februar 2024 bei einem Herzinfarkt gestorben. Ein „genius" und „a titan of animation" sei er gewesen. Gleichzeitig klingt del Toro auch wie ein Kind im Spielzeugladen, wenn er über seinen verstorbenen Kollegen spricht. I'm not crying, you are!

Wie Guillermo del Toro auf den Schaffensprozess in der Stop-Motion-Animation blickt, ist beispiellos. Er sagt:

The other thing that a director does, is quietly act like the force of gravity. You may not notice when you're doing it. What you notice, if you stop doing it: everybody starts floating into space in different directions. [...]and if you do your job right, everybody in the movie owns the movie. It's not just your movie. Everybody will say ‚Have you seen my movie PINOCCHIO?', whether they were sculpting a set or animating a puppet or doing anything. Your hope as a director is to inspire all of them to say ‚my movie' and to find the biography, their autobiography in something they did for that movie.

Wie selbstlos kann ein*e Künstler*in sein? Guillermo del Toro: „Ja!"


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