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Feuilleton & Firlefanz

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Gesehen: L’Argent (1983) - Symptombekämpfung

So finster und abgründig dieser Film unter anderem dadurch wirkt, so groß ist dann wiederum doch das Grundvertrauen, das hier den Menschen entgegengebracht wird.

Gesehen: L’Argent (1983) - Symptombekämpfung
Foto: Marion’s Films, Eôs Films, France 3 Cinéma, LaCinetek

Geld an sich ist ja durchaus paradox. Der von uns ihm zugeschriebene Wert ist rein virtuell und steht in der Regel in krassem Widerspruch zum tatsächlichen Materialwert. Genau dieser Widerspruch produziert ein total interessantes Spannungsfeld. Denn wie kann etwas materiell so Wertloses eine derart große Macht über uns haben bzw. zum Hebel der Mächtigen werden?

Das Kapital – bei Bresson sozusagen auch wortwörtlich – hält ein System der Ungerechtigkeit, in dem Armut bestraft wird, aufrecht. Die Reichen und damit die Mächtigen werden nicht von Staat und einem Großteil der Gesellschaft zur Rechenschaft gezogen. Bekämpft werden lediglich die Symptome dieses Unrechtssystems und dieser Zustand wird auch nicht hinterfragt.

Das alles ist fruchtbarer Boden für die erbarmungslos zersetzende Wirkung des Geldes und des Kapitals.

Ein Mann etwa landet unverschuldet im Gefängnis und kann so nicht bei seiner Frau mit ihrem frischgeborenen Kind sein, das schließlich an Diphtherie stirbt. Letztlich scheinen ihm nur drei Optionen zu bleiben: sich weiter unterdrücken lassen und bis an sein Lebensende im Knast dahinvegetieren, seinem Leben selbst ein Ende setzen oder mit Gewalt das System aufbrechen.

So finster und abgründig dieser Film unter anderem dadurch wirkt, so groß ist dann wiederum doch das Grundvertrauen, das hier den Menschen entgegengebracht wird. Denn letztlich glaubt der Film doch noch an ein revolutionäres Potenzial, an den langen Atem der Menschen und an ihre Widerstandsfähigkeit innerhalb eines Systems, das jeden einzelnen Tag versucht, sie zu zermalmen.

★★★★☆

🇫🇷/🇨🇭, R: Robert Bresson, D: Christian Patey, Vincent Risterucci, Sylvie Van Den Elsen, Michel Briguet, Caroline Lang, Marc Ernest Fourneau, Jean-Frédéric Ducasse, Didier Baussy, Jeanne Aptekman, François-Marie Banier, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Marion’s Films, Eôs Films, France 3 Cinéma, LaCinetek

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A ★★★★ review of L’Argent (1983)
Geld an sich ist ja durchaus paradox. Der von uns ihm zugeschriebene Wert ist rein virtuell und steht in der Regel in krassem Widerspruch zum tatsächlichen Materialwert. Genau dieser Widerspruch produziert ein total interessantes Spannungsfeld. Denn wie kann etwas materiell so Wertloses eine derart große Macht über uns haben bzw. zum Hebel der Mächtigen werden? Das Kapital – bei Bresson sozusagen auch wortwörtlich – hält ein System der Ungerechtigkeit, in dem Armut bestraft wird, aufrecht. Die Reichen und damit die Mächtigen werden nicht von Staat und einem Großteil der Gesellschaft zur Rechenschaft gezogen. Bekämpft werden lediglich die Symptome dieses Unrechtssystems

Gesehen: Vice is Broke (2024) - David Carr fehlt

Bankrott ist nicht nur „Vice", sondern in diesem Film auch Haltung und journalistisches Handwerkszeug.

Gesehen: Vice is Broke (2024) - David Carr fehlt
Foto: Mubi

Es gibt mitten in diesem Film ein paar kurze Archiv-Ausschnitte, in denen David Carr beim Interview mit Shane Smith und ein paar anderen Vice-Head-Honchos zu sehen ist. David Carr fehlt als scharfe Feder im Medienjournalismus und Handwerk vor allem diesem Dokumentarfilm.

Denn Eddie Huang fehlt ganz offensichtlich das notwendige Handwerkszeug, die Geschichte von Vice und den Gestalten dahinter über die eigenen Befindlichkeiten hinaus aufzuarbeiten. Die Ironie der Geschichte ist also: VICE IS BROKE scheitert genau daran, womit auch Teile von Vice permanent zu kämpfen hatten – fachliches Unvermögen und überzogene Personalisierung.

Er lässt vor allem alte Weggefährt*innen und Vice-Manager*innen darüber reden, was sie damals™ für crazy edgy shit gemacht haben und wie unmöglich das heute wäre. Aber dann scheint es plötzlich ein Problem zu sein, selbst den unstrittigen Neonazi Gavin McInnes als eben solchen klar zu benennen. In keinem der Gespräche ist Huang vorbereitet oder gewillt genug, um Aussagen zu hinterfragen oder Widerworte zu leisten.

Huang täuscht Vielschichtigkeit durch das Einblenden von Schlagzeilen über Vice vor und verweigert sich einer tiefgründigeren Analyse. Eine ausgemachte Expertin wie Taylor Lorenz wird als Stichwortgeberin verpulvert, damit Huang noch mal eine Pornhub-Story erzählen kann.

Am Ende des Films erklärt der Macher sogar, dass er nach der Insolvenz von Vice auf seine Ansprüche als Gläubiger verzichtet hat und sich im Gegenzug von seinem NDA hat entbinden lassen, damit er VICE IS BROKE machen kann. Aber wofür? Denn letztlich ist das hier nicht mehr als die Aufbereitung sowieso öffentlicher Informationen durch eine persönliche Linse. Scheint mir kein guter Deal gewesen zu sein.

🇺🇸, R: Eddie Huang, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Mubi

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A review of Vice Is Broke (2024)
Es gibt mitten in diesem Film ein paar kurze Archiv-Ausschnitte, in denen David Carr beim Interview mit Shane Smith und ein paar anderen Vice-Head-Honchos zu sehen ist. David Carr fehlt als scharfe Feder im Medienjournalismus und Handwerk vor allem diesem Dokumentarfilm. Denn Eddie Huang fehlt ganz offensichtlich das notwendige Handwerkszeug, die Geschichte von Vice und den Gestalten dahinter über die eigenen Befindlichkeiten hinaus aufzuarbeiten. Die Ironie der Geschichte ist also: VICE IS BROKE scheitert genau daran, womit auch Teile von Vice permanent zu kämpfen hatten – fachliches Unvermögen und überzogene Personalisierung. Er lässt vor allem alte Weggefährt*innen und Vice-Manager*innen darüber

Gesehen: Diary of a Country Priest (1951) - Gegen die Verzweiflung anschreiben

Irgendwann spuckt jede*r Blut...

Gesehen: Diary of a Country Priest (1951) - Gegen die Verzweiflung anschreiben
Foto: Union Générale Cinématographique

Es steckt unheimlich viel in der Anordnung der Geschichte, aber am eindrücklichsten sticht für mich hervor, wie das Machtkonstrukt Kirche unter dem Gewicht der eigenen Lügen und Ansprüche zusammenbricht.

Es geht gar nicht so sehr um den Glauben, sondern um das institutionalisierte System dahinter, das den Verlust der eigenen Macht zu spüren bekommt. Denn einen verunsicherten Priester ins hinterletzte Kaff zu schicken, in dem die Menschen inklusive sich selbst an gar nichts mehr glauben, ist an Verzweiflung kaum zu überbieten.

Der Priester bekommt dort an eigenem Leib und eigener Seele zu spüren, dass die Welt, an deren Aufbau er bisher geglaubt hat, nichts weiter als Teil einer Pappkulisse ist. Denn von Rom aus lässt sich leicht Allmacht proklamieren. Aber dort draußen stößt diese Propaganda auf die Lebensrealität „einfacher" Menschen, die längst die ausbeuterischen, gierigen und autoritären Seiten der Kirche erkannt haben.

Die Kirche ist der Krebs, der Zwangslagen, Dissonanzen und Realitätsbrüche zur Folge hat – genau wie der Krebs im Magen des Priesters ihn von innen zerfrisst.

Eine ganz gute Lebensweisheit ist: Man kann nur eine gewisse Menge Mist schlucken und das in sich behalten, bevor man damit beginnt, Blut zu spucken.

Gegen all das permanent und unablässig anzuschreiben, der Verzweiflung diesen unendlichen Raum auf dem Papier zu gewähren, das finde ich als Bild wunderschön und bittersüß.

★★★★☆

🇫🇷, R: Robert Bresson, D: Claude Laydu, Jean Riveyre, Adrien Borel, Rachel Bérendt, Nicole Maurey, Nicole Ladmiral, Martine Lemaire, Antoine Balpêtré, Jean Danet, Gaston Séverin, Yvette Etiévant, Bernard Hubrenne, Léon Arvel, Martial Morange, Gilberte Terbois, Serge Bento, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Union Générale Cinématographique

Tagebuch eines Landpfarrers - Stream: Online anschauen
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A ★★★★ review of Diary of a Country Priest (1951)
Es steckt unheimlich viel in der Anordnung der Geschichte, aber am eindrücklichsten sticht für mich hervor, wie das Machtkonstrukt Kirche unter dem Gewicht der eigenen Lügen und Ansprüche zusammenbricht. Es geht gar nicht so sehr um den Glauben, sondern um das institutionalisierte System dahinter, das den Verlust der eigenen Macht zu spüren bekommt. Denn einen verunsicherten Priester ins hinterletzte Kaff zu schicken, in dem die Menschen inklusive sich selbst an gar nichts mehr glauben, ist an Verzweiflung kaum zu überbieten. Der Priester bekommt dort an eigenem Leib und eigener Seele zu spüren, dass die Welt, an deren Aufbau er bisher

Jules Vernes 1870er Ausgabe von „Von der Erde zum Mond" ist wunderschön illustriert

Wunderschön und wunderschön unheimlich.

Jules Vernes 1870er Ausgabe von „Von der Erde zum Mond" ist wunderschön illustriert

Die Kolleg:innen drüben beim Public Domain Review haben wieder einmal absolute Illustrationsperlen zusammengesucht – dieses mal aus den Federn von Émile-Antoine Bayard und Alphonse de Neuville für die 1870er Fassung von Jules Vernes Von der Erde zum Mond.

Für mich kommt da so viel zusammen: etwas kosmischer Horror, ein Hauch von Megastructure-Unbehagen, die Bedrohung im Ungewissen und gleichzeitig ein mutiger Aufbruchs ins Unbekannte.

Émile-Antoine Bayard’s Illustrations for Around the Moon by Jules Verne (1870)
Arguably the very first images to depict space travel on a scientific basis, these wonderful illustrations are the work of the French illustrator Émile-Antoine Bayard.

Wer dadurch Bock auf die Geschichte bekommt: Von der Erde zum Mond und Reise um den Mond gibt es gerade von Rufus Beck gelesen in der ARD-Audiothek. Wer lieber selbst lesen will, wird beim Projekt Gutenberg fündig, da die Werke natürlich längst gemeinfrei sind.

Gesehen: The Devil, Probably (1977) - Bressonsche Hyperrealität

Mark Fisher und Anton Jäger hätten ihre helle Freude gehabt...

Gesehen: The Devil, Probably (1977) - Bressonsche Hyperrealität
Foto: UCM.One

Mark Fisher und Anton Jäger hätten wahrscheinlich ihre helle Freude mit diesem Film gehabt – oder hatten sie angesichts des Erscheinungsjahres vielleicht sogar.

Es ist jedenfalls richtig unangenehm im allerproduktivsten Sinne, der Konstruktion dieser bressonschen Hyperrealität beizuwohnen. Zuzuschauen, wie sämtliche Zwischentöne, jegliche Graustufen Stück für Stück einem dichotomen Weltbild weichen.

Wenn alles vergeblich und egal ist, nichts mehr erstrebenswert scheint, dann macht sich einfach finsterster Nihilismus breit, der einem Menschen jeglichen Raum für Empathie raubt. Existenzen verpuffen im hyperpolitischen Nichts.

★★★½☆

🇫🇷, R: Robert Bresson, D: Antoine Monnier, Tina Irissari, Henri de Maublanc, Laetitia Carcano, Nicolas Deguy, Régis Hanrion, Geoffroy Gaussen, Roger Honorat, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: UCM.ONE

Der Teufel möglicherweise - Stream: Jetzt online anschauen
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A ★★★½ review of The Devil, Probably (1977)
Mark Fisher und Anton Jäger hätten wahrscheinlich ihre helle Freude mit diesem Film gehabt – oder hatten sie angesichts des Erscheinungsjahres vielleicht sogar. Es ist jedenfalls richtig unangenehm im allerproduktivsten Sinne, der Konstruktion dieser bressonschen Hyperrealität beizuwohnen. Zuzuschauen, wie sämtliche Zwischentöne, jegliche Graustufen Stück für Stück einem dichotomen Weltbild weichen. Wenn alles vergeblich und egal ist, nichts mehr erstrebenswert scheint, dann macht sich einfach finsterster Nihilismus breit, der einem Menschen jeglichen Raum für Empathie raubt. Existenzen verpuffen im hyperpolitischen Nichts.

Gesehen: Mouchette (1967) - Poesie schlägt Zynismus

Vom Nachteil, geboren zu sein...

Gesehen: Mouchette (1967) - Poesie schlägt Zynismus
Foto: Argos films, Parc Film

Gäbe es nicht die finale Einstellung, der etwas extrem Poetisches, eine kindliche Unschuld und eine gewisse Verspieltheit innewohnt, die mit der Erlösung von der Qual, geboren zu sein, einhergeht, wäre das alles ganz schön zynisch.

Aber so besteht noch Hoffnung auf Befreiung von etwas, für das man sich nie entschieden hat, in das man hineingezwungen wurde und für das man nun ungerechterweise auch noch die Konsequenzen tragen muss.

Es hat etwas von katholischer Schuld, die hier Mouchette gegen ihren Willen aufgebürdet wird – einfach, weil sie existiert.

★★★½☆

🇫🇷, R: Robert Bresson, D: Nadine Nortier, Jean-Claude Guilbert, Marie Cardinal, Paul Hébert, Jean Vimenet, Marie Susini, Marine Trichet, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Argos films, Parc Film

Mouchette - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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A ★★★½ review of Mouchette (1967)
Gäbe es nicht die finale Einstellung, der etwas extrem Poetisches, eine kindliche Unschuld und eine gewisse Verspieltheit innewohnt, die mit der Erlösung von der Qual, geboren zu sein, einhergeht, wäre das alles ganz schön zynisch. Aber so besteht noch Hoffnung auf Befreiung von etwas, für das man sich nie entschieden hat, in das man hineingezwungen wurde und für das man nun ungerechterweise auch noch die Konsequenzen tragen muss. Es hat etwas von katholischer Schuld, die hier Mouchette gegen ihren Willen aufgebürdet wird – einfach, weil sie existiert.