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Feuilleton & Firlefanz

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Kinotagebuch: Reality (2023)

Kinotagebuch: Reality (2023)

Als Stilübung sicherlich halbwegs interessant und politisch sowieso wichtig. Aber für mich wollte REALITY unterm Strich zu nichts überaus Stimmigem zusammenkommen. Die strenge Text- und ich nehme an auch Tonfalltreue lassen den Film wie Marionettentheater wirken. Alles spricht und bewegt sich wie auf Schienen, das Warten der Figuren auf ihren jeweiligen Einsatz liegt dröhnend über allem.

Jedoch gelingt über diese durch Form erzeugte Strenge auch etwas: Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Effekt des hier abgebildeten Prozesses wird unübersehbar. Der angebliche Schutz der Demokratie erreicht in seiner Rigorosität paradoxerweise das genaue Gegenteil. Aber die Zahnräder im System kennen nur eine Richtung und unverrückbare Prinzipien. Wer die Richtung überdenken oder auch nur leicht das eigene Drehmoment ändern will, bringt das komplette Getriebe zum Kollaps.

Wer Whistleblowerinnen keinen Schutz gewährt und eine unabhängige kritische Presse zu Steigbügelhalterinnen der Demokratiefeindinnen erklärt, wird selbst zur Demokratiefeindin.

★★½☆☆

🇫🇷/🇬🇧/🇺🇸, R: Tina Satter, D: Sydney Sweeney, Josh Hamilton, Marchánt Davis, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: Antigone (2019)

Gesehen: Antigone (2019)
Nahéma Ricci als Antigone // (c) Association Coopérative des Productions Audio-Visuelles

Nahéma Ricci als Antigone ist eine absolute Offenbarung. Sie spielt so wahrhaftig und findet Zugang zu sowie Ausdruck für derart pure Emotionen… ANTIGONE ist eine gewaltige Adaption der antiken Tragödie, die Überzeugungen auf die Probe stellt, Solidarität im Spiegel der migrantischen Lebensrealität betrachtet und vor allem durch Nahéma Riccis unter die Haut gehende Schauspielleistung deutlich macht, wie weit Recht und Gerechtigkeit auseinander liegen können und das Einstehen für die eigenen Überzeugungen für eine Gruppe von Menschen de facto weitreichendere Konsequenzen hat als für die andere. Justitia ist tatsächlich blind – und zwar hinsichtlich der Tatsache, dass vor dem Gesetz eben nicht jede*r gleich ist.

★★★★☆

🇨🇦, R: Sophie Deraspe, D: Nahéma Ricci, Rawad El-Zein, Hakim Brahimi, Rachida Oussaada, Nour Belkhiria, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: Beneath the Planet of the Apes (1970)

Gesehen: Beneath the Planet of the Apes (1970)
James Francisus, Linda Harrison und Kim Hunter // (c) Walt Disney Leonine

Wer im Militarismus die Zukunft sieht, wer sich gegen Wissenschaft und rationales Handeln stellt, empfängt den Faschismus mit offenen Armen. Wer sich für blinden religiösen Fundamentalismus oder gar Fanatismus entscheidet, wird nichts als Leid in die Welt bringen. Alle werden erst die Zivilisation und dann den ganzen Planeten in Trümmern sehen. (Und offenbar auch eine plump-dreist-faule Figuren-Kopie, wie Brent (James Franciscus) eine von Taylor (Charlton Heston) ist, spawnen lassen.)

★★★☆☆

🇺🇸, R: Ted Post, D: James Franciscus, Kim Hunter, Charlton Heston, Maurice Evans, Linda Harrison, Trailer, Wikipedia

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Kinotagebuch: All of Us Strangers (2023)

Kinotagebuch: All of Us Strangers (2023)

ALL OF US STRANGERS lässt sich wunderbar intellektualisieren, als Metapher auf die Anonymität der Großstadt lesen, als Versuch die Reaktion der menschlichen Psyche auf Traumata zu entknoten, sogar die Lesart als Corona-Film bietet sich an. Man kann den fast schon brachial deskriptiven Soundtrack als übertrieben und irrtierend empfinden und vortrefflich über Diesseits, Jenseits und alles dazwischen debattieren.

Aber am Ende bleibt es ein kurzer Wortwechsel zwischen Adam (Andrew Scott) und seinem Vater (Jamie Bell), der als Kondensat der absoluten emotionalen Wucht dieses Films sinnbildlich für das steht, was er unbarmherzig fühlen lässt:

Dad: We are proud of you.

Adam: I’ve done nothing to be proud of…

Dad: You got through it, you’re still here.*

Ich kann nicht in Worte fassen, wie nah ich mich dem fühle.

*(Das ist nur aus dem Gedächtnis wiedergegeben, das direkte Zitat konnte ich ad hoc nirgendwo aufgeschrieben finden.)

★★★★½

🇬🇧/🇺🇸, R: Andrew Haigh, D: Andrew Scott, Paul Mescal, Jamie Bell, Claire Foy, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: Cat Person (2023)

Gesehen: Cat Person (2023)
Geraldine Viswanathan und Emilie Jones // (c) Studiocanal

Der von CAT PERSON beschrittene Weg wirkt erzählerisch bereits ausgetreten. Dass der öffentliche Raum für (junge) Frauen gefährlich ist und dass es Nice Guys mit patriarchalem Anspruchsdenken gibt, das ist ja nun wirklich keine neue Erkenntnis, was den Verlauf des Films nicht weniger konsequent, aber leider sehr erwartbar macht.

Interessanter ist, was der Film darüber hinaus über den Wandel (digitaler) Kommunikation von Millennials hin zu Gen Z erzählt, wie die permanente Verfügbarkeit breitbandigen Internets den Verbindlichkeitsbegriff verändert, mehr Balance in die Machtverhältnisse innerhalb von Kommunikation bringen kann und das Ausmaß des verinnerlichten patriarchalen Anspruchsdenkens freilegt.

★★★☆☆

🇫🇷/🇺🇸, R: Susanna Fogel, D: Emilia Jones, Nicholas Braun, Geraldine Viswanathan, Geraldine Viswanathan, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: Chinesisches Roulette (1976)

Gesehen: Chinesisches Roulette (1976)
Margit Carstensen // (c) Basis-Film Verleih

Wie klar, zielsicher und ohne Gefangene zu nehmen Fassbinder hier das Bürger*innentum aufbricht, dabei dessen moralische Verkommenheit freilegt, es vorführt und an der scheinheiligen Nase durch den Ring zieht, das hat mich regelrecht umgehauen.

Die Anordnung des Films hat mich oft an Marco Ferreris LA GRANDE BOUFFE (1973), Pier Paolo Pasolinis SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA (1975) und den späteren Michael Haneke denken lassen – dieses Gefangensein an einem Ort, an dem der grässlichen Fratze der Wahrheit nicht mehr ausgewichen werden kann, an dem jeder beim Versuch den eigenen Kopf über Wasser zu halten im Zweifelsfall jeden ertrinken lassen würde.

Fassbinder zeigt ein Deutschland, das untergehen hätte sollen, aber sich wie ein Parasit weiter ans Leben klammert – durchsetzt von Altnazis, die sich die Hände in Unschuld waschen und mit ihrer menschenfeindlichen Ideologie nicht mal vor den eigenen Kindern Halt machen, die aufgrund ihrer ökonomischen und politischen Macht unantastbar bleiben und fortwährend Gesellschaft prägen.

★★★★½

🇩🇪/🇫🇷, R: Rainer Werner Fassbinder, D: Alexander Allerson, Anna Karina, Margit Carstensen, Brigitte Mira, Ulli Lommel, Trailer, Wikipedia

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