Schleifen bindet hier leider nur ungelenke Exposition
Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland
Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass sich das nach einem Steven-Soderbergh-Film anfühlt. Es ist eher Darren Aronofsky, der versucht, Soderbergh zu imitieren.
Das hat alles schon ein ganz schmissiges Tempo und produziert einigermaßen schrullige Figuren. Viele Schleifen kann das Drehbuch aber leider nur mit ungelenker Exposition binden. Dazu kommt, dass die Figuren zwar angenehm weird, aber dennoch total schwammig gezeichnet sind. Woraus hier Motivation und Charakterzüge entspringen, ist viel zu grob angelegt.
Der Film reißt mich so zwar mit, lässt mich gleichzeitig aber auch total kalt.
Es ist dann doch etwas mehr, als „nur" eine tonnenschwere AIDS- und Corona-Metapher
Foto: Plaion Pictures, Studiocanal
Ich vertrete dann wohl das, was man eine Mindermeinung nennt. Natürlich lässt sich das rein als tonnenschwere AIDS- und auch als Corona-Metapher begreifen. Das war auch zuerst mein Zugang. Aber irgendwann habe ich unterbewusst begonnen, das Geschehen viel mehr erst mal als das zu begreifen, was es ist.
Es geht um Menschen, die aufgrund ihrer konkreten, vermuteten oder behaupteten Andersartigkeit markiert, stigmatisiert und ausgegrenzt werden – also um eine gewissermaßen universelle Erfahrung, um universelle Ängste. Das rekurriert wiederum stark auf die bisher in der Filmografie Julia Ducournaus zentralen Themen.
Es geht um ein Kind, das sein ganzes bisheriges Leben lang kein wirkliches Sicherheitsgefühl erfahren hat, dem kein Raum für Verletzlichkeit eingeräumt wird. Und im Verlauf des Films wird klar: Das hat Familientradition.
Ein Verlust ist etwas, das vergessen und nicht verarbeitet werden muss. Da lassen sich dann wieder produktivere Bezüge zu AIDS-Epidemie und Corona-Pandemie herstellen. Es gab Millionen von Toten, aber – jedenfalls bei Corona – keinen Raum für die Würdigung dieser Verluste, ob der blind-eifrigen Rückkehr zu „Normalität" keine Möglichkeit der angemessenen (gesamtgesellschaftlichen) Trauer.
Eine Welt voller unverarbeiteter, ignorierter und unterdrückter Traumata, in die wir unsere Kinder entlassen...
Es geht eben nicht (nur) um die Dekonstruktion von Schönheit und die Entlarvung des Oberflächlichen. Für mich war es der Blick auf die Abbildung von Schein und Schönheit als politisches Instrument. Der Film streicht hervor, inwiefern das Beschreiben und Empfinden der äußeren Erscheinung durch ästhetisch „gute" und „schlechte" Merkmale als strategischer Hebel zum Erringen, Erhalten und Vernichten gesellschaftlicher, ökonomischer und patriarchaler Machtpositionen eingesetzt wird.
Der Film bricht zudem immer wieder mit seiner etablierten Form (und in Teilen auch der vierten Wand) und serviert uns eine durch fünfzehn Weichzeichner gejagte Musikvideo-Optik. Dadurch legt er frei, inwieweit auch Bilder – inklusive der eigenen – Teil dieser machtstrategischen Instrumente sind, die auch in vermeintlich harmloser Unterhaltung zum Einsatz kommen.
Letztlich erschafft François Ozon hier eine Illusion. Wir glauben, dabei zuzusehen, wie eine Frau nach allen Regeln der gaslightenden Manipulation gebrochen wird – nur um dann festzustellen, dass sie bereits von Beginn an ein Scherbenhaufen war. Es entblättert sich Schicht um Schicht ein Bild von internalisierter Misogynie, das den fruchtbaren Boden für eine Beziehung bereitet, die mit einem unauflösbaren Machtgefälle beginnt und sich zu einem realitätsverlustigen Albtraum auswächst.
Luca Guadagnino verliert den Diskurs aus den Augen
Foto: Amazon MGM Studios
Guadagnino hinkt hier wirklich total behäbig dem allerspätestens seit #MeToo in einer relevanten Breite geführten Diskurs hinterher. Nur, weil jetzt auch die Hochschulen zu einem Ort des rechten Kulturkampfes geworden sind, muss man das jetzt nicht mit allen bekannten Versatzstücken zu irgendeiner angeblich neuen Qualität herbeiintellektualisieren.
Dabei nimmt der Film doch eine kluge Wendung – nur eben erst auf den allerletzten Metern. Zu spät lässt er die Protagonistin ihre Position, ihre Erinnerungen und ihr Weltbild hinterfragen. Zu spät konfrontiert und zwingt er sie, die eigene Rolle als (unbewusste) Täterin, mindestens als Mitwisserin, aber auch als Opfer neu zu bewerten.
Erst an diesem Punkt erreicht der Film eine wirklich spannende psychologische Tiefe. Denn diese Frau, die sich entgegen absoluter Gegebenheit nicht als Opfer/Survivor sieht und markieren lassen will, trägt dadurch (ohne Absicht) zum Erhalt von Rape Culture und patriarchaler Ordnung bei. Das Patriarchat hat sie in eine unmögliche Sackgasse gedrängt: Spricht sie, wird der Backlash sie in den Abgrund reißen. Schweigt sie, bleibt das System unangetastet.
Doch da will sich der Film nicht hineinbegeben, keine Positionen ergründen, keine Moral verhandeln. Ich würde nicht sagen, dass AFTER THE HUNT deshalb feige, aber auf jeden Fall ambitionslos ist.
Nia DaCosta setzt das Politische im Privaten konsequent ins Licht
Foto: Prime Video
Wer darf wen ansprechen? Wer unterhält sich mit wem? Wer darf wen abblitzen lassen und wem ist Augenhöhe oder wenigstens Blickkontakt vergönnt? Das Politische im Privaten wird hier konsequent ins Licht gesetzt.
HEDDA ist ein permanentes Aushandeln von gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Macht, eingebettet in eine barocke Opulenz, der etwas ungewöhnlich Zeitloses anhaftet. Der Film spielt zwar in den 1950er Jahren, könnte aufgrund der gatsbyartigen Szenerie jedoch genauso gut erst vergangenes Wochenende während eines ausladenden Retreats für Techmillionär*innen über die Bühne gegangen sein.
Schein ist (überlebens)notwendiger als Sein. Obszön geht die Welt zugrunde.
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
Nach der einfach nur niederschmetternden Recherche des Spiegel zur sexualisierten (digitalen) Gewalt, die Collien Fernandes erfahren hat, lese ich viele Texte, von denen ich erst mal zwei hier festhalten möchte.
Jasmin Schreiber:
Wer auf diese Zahlen hinweist, bekommt verlässlich zu hören: Aber die meisten Männer sind doch anständig. Stimmt. Mein
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