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Feuilleton & Firlefanz

Posts on page 16

Gesehen: Ich war neunzehn (1968) – Sprache, Licht und Schatten

Von Männern, die die Welt mit Krieg überzogen haben...

Gesehen: Ich war neunzehn (1968) – Sprache, Licht und Schatten
Foto: DEFA-Stiftung, Werner Bergmann, Wolfgang Ebert, Bernd Sperberg

Herkunft, Identität und kollektive Schuld werden hier verhandelt über die Sprache und das Spiel mit Licht und Schatten, das immer wieder elegant mit dem Geschehen verwoben wird – etwa durch die durch hartes Gegenlicht kontrastierten Fetzen Kriegsgeschehen oder die wie Geister an den Wänden entlang gleitenden Schatten der SS-Offiziere.

Dass die Rote Armee hier ziemlich gönnerhaft inszeniert ist, sollte natürlich bei einem DEFA-Film nicht unbedingt wundern. Dennoch unterläuft Konrad Wolf zumindest stellenweise die heroischen Motive.

Da ist etwa die traumatisierte junge Deutsche zu Beginn des Films, deren Bernauer Bleibe von den Russen beschlagnahmt wird und sie daraufhin fragt, ob sie in der hemdsärmelig eingerichteten Kommandantur schlafen könne. „Lieber mit einem als mit allen", antwortet sie auf die Frage nach dem Warum. Ein wahnsinnig starker Satz.

Oder beim Festgelage zum 1. Mai, als der autobiografische Protagonist das Glas hebt, auf seine Mutter trinkt und seinen Vater mit keinem Wort erwähnt. Es wird nicht ausgesprochen, aber es scheint mir auch ein Hadern damit zu sein, dass es die sprichwörtlichen Väter waren, die die Welt in den Krieg getrieben haben.

★★★★½

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Gesehen: The Loneliest Planet (2011) - Ökonomische Fußfesseln

Selbstfindung ist Ausbeutung

Gesehen: The Loneliest Planet (2011) - Ökonomische Fußfesseln
Foto: The Match Factory

Diesem Bild der Tourist*innen, die in die von ihnen aus betrachtet entlegensten Winkel der Erde reisen und dort von armem Land zu noch ärmerem Land ziehen, haftet schon vielleicht etwas Bösartiges, auf jeden Fall aber etwas Ausbeuterisches an. Jede vermeintliche Erweiterung der eigenen Perspektive gipfelt in Selbstvergessenheit. Sie können diesen Ort, diese Lebensumstände jederzeit wieder verlassen, ein Großteil der Einwohner*innen sitzt durch die ökonomische Realität jedoch fest – wortwörtlich und im übertragenen Sinne.

Wie unbewusst sich Menschen wie sie (und überhaupt) ihrer eigenen Privilegien sind, zeigt letztlich der erste richtige Realitätsabgleich, der ihnen aufgezwungen wird. Der den Selbstfindungstrip zu knallharten Erkenntnissen führt, die niemand für sich wahrhaben möchte. Dann wird plötzlich geschwiegen und Ungesagtes in Worte gegossen, aber immer an den falschen Stellen. Das vermeintlich harmonische Gefüge zerbricht irreparabel.

★★★½☆

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Gesehen: Krisha (2015) - Manipulierter Fluss

Im produktivesten Sinne schmerzhaft

Gesehen: Krisha (2015) - Manipulierter Fluss
Foto: A24, Mubi

Trey Edward Shults versteht wirklich, wie „Energie" durch einen Raum fließt und was bzw. wer in diesem Raum diesen Fluss beeinflusst. Und er versteht, wie er diesen Fluss und damit im übertragenen Sinne auch uns als Publikum manipulieren kann.

Die Werkzeuge, mit denen sich die Mitglieder dieser Familie gegenseitig manipulieren, werden gleichermaßen gegen uns eingesetzt. Wir werden Teil dieses permanenten Laufs auf Eierschalen und bekommen regelrecht zu spüren, wie sich die Enttäuschung, Verletzung und enthaltene Vergebung für diese Figuren anfühlen muss.

Etwas schärfer formuliert: Der Film manipuliert uns in eine gesteigerte Empathie hinein und zwingt uns, die eigene Position abzuklopfen. Das tut weh, aber im produktivsten Sinne.

★★★½☆

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Gesehen: Have You Seen This Woman? (2022) - Existenzielles Erinnern

Wie Menschen zu Geistern werden, ohne zu sterben

Gesehen: Have You Seen This Woman? (2022) - Existenzielles Erinnern
Foto: Non-Aligned Films

Der Titel ist als direkte Frage an uns als Publikum zu verstehen: Haben Sie diese Frau gesehen? Um die Antwort zu formulieren, müssen wir uns mitunter unbequemen Wahrheiten stellen. Denn wortwörtlich eine Frau wie die Protagonistin(nen) gesehen hat bereits jede*r von uns. Doch wie oft haben wir – als Individuen und als Gesellschaft – schon durch Frauen wie sie entweder hindurchgesehen, oder sie gar (vor)verurteilt, bemitleidet oder belächelt?

Die Protagonistin ist den ganzen langen Tag damit beschäftigt, nicht endgültig zu entschwinden, sich irgendwie noch an der Welt festzuklammern. Sie muss permanent an ihre Existenz erinnern – durch das Verteilen von Flyern in Briefkästen, das Anbringen von Abrissmarken an Straßenlaternen, das Klingelputzen, durch das Aufrechterhalten der Illusion eines Lebens, das andere von ihr erwarten.

Armut, Einsamkeit und Erwartungsdruck machen Menschen zu Geistern. Deshalb sollten wir hinschauen, ihnen in die Augen schauen, ihre Existenz nicht weiter an Bedingungen knüpfen. (Klingt jetzt doch etwas pathetischer als geplant, aber es ist im Kern einfach zutreffend.)

★★★½☆

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Gesehen: This Closeness (2023) - Entfernte Nähe

Von Räumen, die Verhalten diktieren

Gesehen: This Closeness (2023) - Entfernte Nähe
Foto: Mubi

Ein beklemmendes Spiel mit Nähe, Distanz und komplett entrückten Orten. Drei, manchmal auch vier Menschen sind in dieser Wohnung, und damit auf engstem Raum, ganz nah beieinander – und gleichzeitig (innerlich) unendlich weit voneinander entfernt. Diesem Ort haftet etwas irritierend Klinisches und Kaltes an. Es scheint, als ob die Wohnung durch ihre Eigenschaften das Verhalten der Menschen diktiert – genau wie die virtuellen Räume, in denen Protagonisten wesentliche Teile ihres Lebens verbringen, vom Drehen von ASMR-Videos, über Super Smash Brothers bis zu Tinder.

★★★½☆

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Gesehen: i hate myself :) (2013) - Nie endende Selbstvergewisserung

Strukturell erstaunlich nahe am aktuellen Youtube-Meta

Gesehen: i hate myself :) (2013) - Nie endende Selbstvergewisserung
Foto: Joanna Arnow

Spannend, wie hier die Kamera als Instrument des Zweifels zum Einsatz kommt. Joanna Arnow lässt sich von der Kamera die eigene Wahrnehmung bezeugen. Die Kamera ist die zweite eingeholte Meinung nach einer schmerzhaften Diagnose. Das gesammelte Bildmaterial wird zur Überprüfung als vermeintlich fertiger Film immer mehr Menschen gezeigt, deren gefilmte Reaktionen dann wiederum Teil des Films werden. Es ist, ab ob sich Joanna Arnow wie heute das Publikum Reaction-Youtuber*innen die (ihre) Welt nur durch einen Filter wahrnehmen kann, weil sie verlernt hat, sich selbst und ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.

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