Skip to Content

Feuilleton & Firlefanz

Posts on page 10

Gesehen: Der Tiger (2025) - Zufälle gibt's

Als ob es Elem Klimows „Komm und sieh“ nie gegeben hätte

Gesehen: Der Tiger (2025) - Zufälle gibt's
Bild: Amazon MGM Studios

Es ist total befremdlich, wie viel Energie der Film darauf verwendet, diese Wehrmachtssoldaten zu entpolitisieren – bis hin zu Sprüchen wie „Keine Politik in meinem Panzer" und „Wir haben nur Befehle ausgeführt". Es ist schon bemerkenswert, dass der Regisseur nach NAPOLA schon wieder einen Haufen junger Männer gefunden hat, in denen keiner ein ausgemachter Nazi gewesen zu sein scheint.

Nun ließe sich argumentieren, dass der Film genau diese Ausflüchte ins vermeintliche Mitläufertum zerlegen will und sehr wohl mindestens einen Nazinazi zeigt, der mit seiner fadenscheinigen Argumentation, mit seinen Taten und deren Folgen konfrontiert und dadurch sein Abstieg in die Hölle eingeläutet wird.

Dafür steht sich der Film mit seiner eigenen effekthascherischen Struktur und der gewählten Erzählperspektive jedoch selbst im Weg. Es mag nicht unbedingt ein fairer Vergleich sein, aber DER TIGER ist inszeniert, als ob es Elem Klimows KOMM UND SIEH nie gegeben hätte.

★☆☆☆☆

Infos & Extras

Gesehen: War and Peace (1956) - Sissi, dekonstruiert

Die Kontraste zwischen Bildästhetik und Inhalt, die King Vidor hier aufzieht, machen den Film aus

Gesehen: War and Peace (1956) - Sissi, dekonstruiert
Bild: Paramount Pictures

Ich war sehr angetan davon, wie zu Beginn diese Bildästhetik einer melodramatischen Romanze, die etwa an die tschechischen Märchenverfilmungen wie DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL oder auch Historienschinken wie SISSI erinnert, mit dem über allem thronenden Kriegsthema kontrastiert wird.

In dieser vermeintlich heilen Märchenwelt, in der „guten" Männern zugeschriebene Tugenden wie Mut und Stolz auch immer eng verbunden sind mit militärischer Ehre und mitunter regelrechtem Kriegseifer, in der das Autoritäre schier unlösbar tief in den Menschen verankert ist, ist Pazifismus eine Krankheit, die ausgerottet werden muss.

Der Kontrast zwischen Form und Inhalt wird immer härter, bis auch die Bilder diesem Abstieg in den Höllenschlund des Krieges nicht mehr standhalten können. Auch die Motive können und wollen nicht mehr das Leid verbergen. Wo zuvor noch in der Ferne ganze Bataillone wie Schachfiguren auf einem riesigen Brett vom Marschmusik elegant über die Schlachtfelder geschoben werden, blicken wir zum Schluss nur noch einem einzigen, bitterlich im tiefen Schnee erfrorenen Soldaten ins Gesicht.

Dieser albtraumhafte Abstieg hat wirklich etwas Unheimliches, fast schon Spukhaftes an sich. Aber hier gibt es keine Geister, keine finstere oder gar höhere Macht, die den Menschen des Menschen Wolf bleiben lässt. Hier gibt es nur den Menschen, der sein eigenes Leid verantwortet. Darin liegt hier das Grauen, der gesamte Weltschmerz begründet.

★★★★☆

Der Film steht noch bis zum 30. Januar 2026 kostenlos bei Arte in der Mediathek.

Krieg und Frieden - Film in voller Länge | ARTE
Russland zur Zeit der napoleonischen Kriege: Im September 1812 erobern die Truppen des französischen Kaisers Moskau. - Opulente Verfilmung (1956, Regie: King Vidor) von Leo Tolstois Klassiker der Weltliteratur und Familienporträt. Starbesezt mit Audrey Hepburn und Henry Fonda. Für drei Oscars nominiert.
Infos & Extras

Gesehen: Year One (1974) - Eine Frage der Ästhetik

Roberto Rossellini betrachtet die Demokratie als System voller Widersprüche

Gesehen: Year One (1974) - Eine Frage der Ästhetik
Bild: Coproduction Office

Nach der Null kommt die Eins. Bei Roberto Rossellini liegen dazwischen gut 26 Jahre. 26 Jahre, die zwischen GERMANY, YEAR ZERO und YEAR ONE liegen. 26 Jahre, um das Grundlegende im Kampf gegen den Faschismus und für die Demokratie auszuformulieren. 26 Jahre, in denen Rossellini keine ästhetischen Kategorien für diese Kämpfe findet – oder zum Schluss kommt, dass diese Kämpfe nicht ästhetisiert werden sollten.

Akribisch dröselt Rossellini auf, dass Demokratie kein Naturzustand ist, auf den die Gesellschaft nach dem Zerbrechen eines anderen Herrschaftssystems zurückfällt. Dass die Demokratie ein extrem fragiles Konstrukt ohne Finalzustand ist, weil sie von einem permanenten Aushandeln von Werten, einem Kräftemessen zwischen progressiven und konservativen Lagern lebt. Dass sie unvereinbar mit machtpolitischen und persönlichen Ambitionen ist.

Und dass diese Demokratie ein System voller Widersprüche ist. Denn auch in Rossellinis Beobachtung ist der Grat zwischen einer idealerweise vom Volke ausgehenden Souveränität auf der einen, und einem Elitenklüngel auf der anderen Seite extrem schmal – und permanenter Kompromissfindung unterliegt.

Wirklich jedem noch so kleinen Zahnrädchen scheint hier Rechnung getragen zu werden. Und vielleicht kann und sollte das nicht ästhetisiert werden. Die Gedanken darüber, die Rossellini hier bei mir angestoßen hat, sind dann jedoch interessanter als die rein filmische Ebene von YEAR ONE, die mich mit ihrer Ikonisierung der Bürokratie nicht unbedingt abgeholt hat.

★★★☆☆

Der Film steht noch bis zum 30. April 2026 kostenlos bei Arte in der Mediathek.

Jahr Eins - Film in voller Länge | ARTE
Anhand der Figur von Alcide De Gasperi, dem Gründer der Christdemokratischen Partei, untersucht der Filmemacher den politischen Wiederaufbau Italiens nach dem Faschismus. Eine Geschichtsstunde, die seine Bewunderung für diesen symbolträchtigen Staatsmann zum Ausdruck bringt.
Infos & Extras

Gesehen: Good Boy (2025) - Ellis Rosen grüßt

Hund gut, Metapher schwer, Horror behauptet

Gesehen: Good Boy (2025) - Ellis Rosen grüßt
Bild: DCM Film Distribution

Ich konnte wirklich nicht anders, als fast die ganze Zeit an diesen Cartoon des großartigen Ellis Rosen zu denken. Denn die Idee des Films ist recht clever und natürlich auch eine Liebeserklärung an Hunde und an das, was sie für uns Menschen sein und leisten können. Aber diese Idee wird recht schnell mit aller Gewalt an die Oberfläche gezerrt und dort überaus dünn ausgebreitet.

Immer und immer wieder müssen wir dem Hund dabei zuschauen, wie er besorgt in mal dunkle, mal erleuchtete Raumecken starrt, dabei mal etwas sieht, mal nicht – immer begleitet von den immergleichen Dolly Zooms und Streichbögen, die sehr langsam über die tiefen Saiten gezogen werden.

Der Horror bleibt so weitestgehend behauptet und nicht erfahrbar. Das mag auch daran liegen, dass das im Verborgenen Lauernde in diesem Film mit nahezu keiner realen Konsequenz verbunden ist, die über die bereits bis kurz vor den Zerreißpunkt gestreckte Metapher hinausgeht.

Es ist ein Film, den man echt mögen möchte. Aber diese Doppelbödigkeit um jeden Preis sorgt hier für keine kluge Erweiterung des Denkraums, sondern eine unnötige Begrenzung desselben.

★★☆☆☆

Infos & Extras

Tiger sind skrupellos am 07. Januar 2026 Featured Post

Die heutigen Dailies unter anderem mit: „Twin Peaks“ für umme, Spielepodcasts und roten Linien

Tiger sind skrupellos am 07. Januar 2026
Bild: Pop & Zebra / Unsplash

Es gibt nun wirklich gar keine Ausreden mehr: Arte hat ab morgen (08. Januar 2026) alle drei Staffeln von Twin Peaks aus den Feder von David Lynch und Mark Frost im Programm! (Oder eher: beide Staffeln Twin Peaks und The Return, was bewusst gesondert steht und stehen sollte.)

Twin Peaks - Fernsehfilme und Serien | ARTE
David Lynchs Meisterwerk, eine einzigartige Symbiose aus Seifenoper und Filmkunst, lässt uns in die Abgründe einer amerikanischen Kleinstadt eintauchen und fühlt sich wie ein böser Traum an, aus dem man niemals erwachen möchte. Diese Anthologieserie vereint alle ihre Vorgänger in sich und dient zugleich als Grundstein für preisgekrönte Serien von heute.

Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!

Newsletter kostenlos abonnieren ❣

Christian Schmidt und Gunnar Lott von Stay Forever haben sich angeschaut, welcher deutschsprachige Gamespodcast im vergangenen Jahr wie viel zahlende Unterstützer*innen hatte. Im Gespräch bei Gameswirtschaft mit Petra Fröhlich haben die beiden noch ein paar Fragen zur Marktentwicklung beantwortet.

Ich find's gut, dass auch auf dem deutschsprachigen Markt immer mehr Zahlbereitschaft vorherrscht. Jetzt muss das nur noch ein bisschen besser verteilt werden.

Stay Forever-Macher Lott und Schmidt: „Da ist noch Potenzial.“ - GamesWirtschaft.de
In der Liste der größten crowdfinanzierten Spiele-Podcasts in Deutschland schiebt sich Stay Forever auf Platz 1 - 2025 kamen 1.000 Kunden hinzu.

Karolin Schwarz bloggt!

Elon Musks Missbrauchsmaschine

Während Nazis mit Grok Holocaust-Überlebende in Hakenkreuz-Pornodeepfakes einbauen, posten unsere Spitzenpolitiker*innen fröhlich weiter im Faschosumpf.

Berit Glanz (@beritmiriam.bsky.social) 2026-01-07T17:32:43.432Z

Damn.

At the center of the story is Vladimir Markov, a poacher who met a grisly end in the winter of 1997 after he shot and wounded a tiger, and then stole part of the tiger's kill.

The injured tiger hunted Markov down in a way that appears to be chillingly premeditated. The tiger staked out Markov's cabin, systematically destroyed anything that had Markov's scent on it, and then waited by the front door for Markov to come home.

(Direktlink, falls der Player nicht richtig rendert.)

Gesehen: Train Dreams (2025) - Muss das so?

Der Film sucht nach Spuren, die er nicht richtig ausfüllen kann

Gesehen: Train Dreams (2025) - Muss das so?
Bild: Netflix

Das ist schon eine verführerische Aneinanderreihung von eleganten, in sich ruhenden, manchmal ausharrenden und oft kontemplativen Einstellungen, in denen der Mensch in einem positiven Möglichkeitsraum gezeigt wird, in dem er nicht zwingend Gegenspieler sein muss, sondern auch als Symbiont eine lebenswerte Existenz bestreiten kann.

Gravierendes habe ich an diesem Film gar nicht auszusetzen. Und dennoch frage ich mich, ob der nun genau so sein musste... Als würden sich in der von hier aus noch gut überblickbaren Filmgeschichte – von einem Hauch Tarkowski über jede Menge Malick bis zu Einschlägen à la Reichardt – nicht bereits entsprechende Spuren finden, in die dieser Film hier mehrfach hineinpasst.

Dazu die gewählte Erzählperspektive, die mich in dieser Form doch sehr schulterzuckend zurückgelassen hat. Selbstverständlich braucht das Genre auch weiterhin sensible und empathische Typen, die mit alten Mustern, Schablonen und Motiven brechen. Aber hier scheint es, als wäre man sich seines filmischen Umfeldes so gar nicht bewusst gewesen. Auch deshalb fühlt es sich ziemlich ausbeuterisch, wenn nicht sogar etwas parasitär an, wenn der rassistische Mord eines asiatischen Mannes dazu genutzt wird, gut 100 Minuten die zarte, leidende (und weiße) Männerseele in Szene zu setzen.

TRAIN DREAMS führt irgendwie nirgendwo so richtig hin – jedenfalls in keinen Bahnhof. (Hehe.)

★★★☆☆

Infos & Extras