Jeder Film, der die Szene zeigt, in der Richard Spencer einen Ellbogen ins Gesicht bekommt, ist prinzipiell ein guter Film.
Foto: Ready Fictions
Für mich waren zwei Aspekte besonders interessant.
Dass Pepe vor 4chan offenbar gemeinschaftsstiftendes Element in einer gewissen Fitness-Blase war und dass er schließlich auch bei der Demokratiebewegung in Hongkong zum Symbol wurde. Dass mir die Pumper entgangen sind: geschenkt. Aber Hongkong ist zu meiner eigenen Überraschung wirklich komplett an mir vorbeigegangen. Letztlich erzählt das natürlich viel darüber, dass die Aneignung von Symbolik keine absoluten Zustände herstellt, sondern ein Feld aufmacht, dessen Grenzen permanent neu verhandelt werden. Rechte Hegemonie (in digitalen Räumen) muss nicht von Dauer sein.
Crypto-Bros sind wirklich die einfältigsten Menschen auf diesem Planeten. Man muss ihnen einfach nur eine Kamera ins Gesicht halten und sie erledigen den ganzen Rest. Sie geben sich komplett freiwillig wie selbstvergessen der Lächerlichkeit preis und flexen mit komplett hohlem Schrott, den sie fälschlicherweise für charakterstiftend halten. Dabei sind sie innerlich so leer wie ihre Konten nach dem Platzen der kurzlebigen NFT-Blase.
Pier Paolo Pasolonis legt in seinem Debüt Phänomene und Strukturen frei, mit denen auch wir heute noch täglich kämpfen.
Foto: Plaion Pictures
Damals™ wie heute ist es schon ein paradoxes Phänomen, dass unter anderem ökonomisch marginalisierte Gruppen auffällig oft dazu neigen, nach unten zu treten anstatt nach oben zu schlagen, an den Verhältnissen zu rütteln, Strukturen infrage zu stellen und Politik zu bewegen. Wenn es mir schlecht geht, soll es anderen auch schlecht gehen. Dass es allen besser gehen soll und auch könnte, scheint zunehmend hinter dem Wahrnehmungshorizont zu verschwinden.
Pasolini beschäftigt sich hier implizit auch mit den Begriffen der Arbeitnehmer:in und Arbeitgeber:in, auf die durchaus auch eine „umgekehrte" Perspektive möglich ist. Denn ich als Arbeiter gebe dem Unternehmen meine Arbeitskraft. Das Unternehmen ist damit von mir abhängig und nicht ich von der Großzügigkeit anderer, für sie schuften zu dürfen. Ohne mich gibt es dein Unternehmen nicht.
Doch damit diese Perspektivverschiebung keine Schule macht, werden die Arbeiter:innen klein gehalten. Um in Pasolinis Geschichte zu bleiben: Wegen dir, Frau, die ich in tatsächliche Lebensgefahr und in die Illegalität gedrängt habe, drohen mir nun Konsequenzen. Du bist schuld an meinem Niedergang! Es geht um die Erhaltung ungerechter und ungleicher Machtverhältnisse – auch zwischen den Geschlechtern. Und an dieser Erhaltung arbeiten nicht nur die Unterdrücker, sondern auch die Unterdrückten selbst mit – Stichwort: internalisierte Misogynie.
★★★★☆
🇮🇹, R: Pier Paolo Pasolini, D: Franco Citti, Franca Pasut, Silvana Corsini, Paola Guidi, Adriana Asti, Luciano Conti, Luciano Gonini, Renato Capogna, Alfredo Leggi, Galeazzo Riccardi, Leonardo Muraglia, Giuseppe Ristagno, Roberto Giovannoni, Mario Cipriani, Roberto Scaringella, Silvio Citti, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Plaion Pictures
Vom idealogischen Wandel über die Bedeutung von Rollenvorbildern bis zu den (ökonmischen) Ungerechtigkeiten im Schöpfungs-, Rechte- sowie Verwertungschaos
Superman, Batman oder Wonder Woman mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten fungieren als moralische Vorbilder. Sie sind längst fester Bestandteil der Popkultur. Doch die Tradition heroischer Erzählungen geht bereits mehrere Jahrtausende zurück.
Christian Blees ist eine schöne Lange Nacht über Superheld:innen gelungen, die sich mit dem ideologischen Wandel des Genres, der Bedeutung von Rollenvorbildern und den (ökonmischen) Ungerechtigkeiten im Schöpfungs-, Rechte- sowie Verwertungschaos auseinandersetzt.
Dabei reicht das Feature bis an James Gunns neuen SUPERMAN heran, es ist also sozusagen auf dem aktuellsten Stand. Die eindrücklichste Stelle mit Bezug zum aktuellen Superheld*innenkino steht jedoch im Kontext von Marvel:
Ein Filmkritiker schreibt: „Zu Beginn des MCU konnte man sich für den Preis einer einzigen Kinokarte hinsetzen und eine Geschichte sehen, in der die Mächtigen tatsächlich dafür kämpften, dass die Welt ein besserer Ort wird. Jetzt kämpfen die Marvel-Superhelpen dafür, dass alles so bleibt, wie es ist. Selbst im Reich der ausgefallenen Fantasie sind die Mächtigen fest entschlossen, alles in einem erstickenden Status Quo zu halten. Es gibt keinen Grund auf dieser großen blauen Kugel namens Erde, sich für irgendetwas zu interessieren, was in einem Marvel-Film passiert.« Das MCU hat sich mit seiner eigenen Unwichtigkeit selbst verwundet. Zwei Stunden lang passiert nichts. Dann wird angekündigt, dass der nächste Film tatsächlich wichtig sein wird. Und im nächsten Film passiert wieder nichts."
(Diesen Filmkritiker nicht namentlich zu zitieren, ist natürlich bodenlos schlechter Stil.)
Issachar Ber Ryback hat Szenen aus seinem Heimatdorf in der Ukraine festgehalten, bevor es von russischen Streitkräften zerstört wurde.
Die Kolleg*innen vom Public Domain Review haben eine Auswahl von extrem eindrücklichen Lithografien von Issachar Ber Ryback zusammengetragen.
The images depict scenes of Ryback's home village in Ukraine before it was destroyed in the pogroms following World War I, a fate which seems ominously echoed in the torturous angles and distortions of form in which he represents the daily activities of village life.
„Torturous angles" ist so eine großartige Beschreibung für diese Bilder. Mich fasziniert es, wie die Figuren sich einerseits irgendwie super elegant in ihre Umgebung einfügen und mit ihr fast verschmelzen, andererseits doch so klar in anderen, oft runderen, freundlicheren Formen existieren.
Das kann man drehen und wenden wie man möchte, aber: Das wäre tatsächliche Zensur. (Juristisch ist das auch sicherlich anders zu bewerten, da bin ich natürlich kein Fachmann. Aber alleine die Verknüpfung des öffentlichen Fördertopfes mit rein willkürlichen Anforderungen geht selbstverständlich in diese Richtung. Niemand hat einen Anspruch auf diese Mittel, alle Institutionen können sich für oder gegen geschlechtergerechte Sprache entscheiden. Aber wenn diese Entscheidung dann plötzlich an finanzielle Mittel gebunden ist, ist sie de facto nicht mehr frei.)
Die (Almost) Dialies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
Anfang der Woche hatte ich hier die aus meiner Sicht nicht so gelungene Lange Nacht über Kurt Tucholsky im Blog. Und jetzt ist Theobald Tiger schon wieder hier! Genau genommen geht es um das Tucholsky-Museum im brandenburgischen Rheinsberg.
In der Taz haben Träger:innen des Kurt-Tucholsky-Preises und ehemaligen Stadtschreiber:innen der Stadt Rheinsberg einen Appell geschrieben, denn:
Die Zukunft des Tucholsky-Museums im brandenburgischen Rheinsberg ist durch Sparpläne rechter Lokalpolitiker bedroht. 13 Autor:innen fordern, dass das Museum zu Ehren des antifaschistischen Dichters eigenständig bleibt.
Tucholsky ist einer, den wir immer wieder lesen müssen, weil wir von ihm lernen können, wie das geht: anschreiben gegen die Feinde der Demokratie, mutig sein, humorvoll bleiben und unter Umständen auch in Würde zu verlieren.
- habe Mit Kolleg*innen einen Artikel geschrieben #rettettucholsky
Eine Beobachtung hinsichtlich sprachlicher Raffinnesse in meinem Spam-Ordner. Es wird mit abgespreiztem kleinen Finger gescammt!
Ob ich diesen Vergleich gelungen oder faul finden soll, weiß ich selbst noch nicht so genau. Treffend ist er nichtsdestotrotz:
In her classic novel Frankenstein, author Mary Shelley imagines a monster that's reanimated with its piecemeal body sewn together, tendon by tendon. “The dissecting room and the slaughter-house furnished many of my materials,” Shelley writes. That’s exactly what scrolling through Instagram feels like right now—an ungodly morass of features stitched together.
Das schreibt Reece Rogers für Wired und er hat unterm Strich natürlich recht. Früher™ mochte ich Instagram wirklich sehr. Über jeden Post sind erst mal drölfzig Filter gerutscht. Alles war eine ästhetische Zumutung. Aber es kam von echten Menschen. Das war noch, bevor Facebook für den aus heutiger Sicht verdammt schmalen Taler von einer Milliarde US-Dollar Instagram übernommen hat. Der/mein Feed bestand aus echten Menschen.
Heute ist das natürlich komplett anders – und das liegt nicht nur daran, dass ich unter anderem auch Medien wie dem Deutschlandfunk folge. Es ist auch die totale Verunmöglichung, bequem und dauerhaft von der algorithmischen zur chronologischen Timeline zu wechseln. Gar keine Kontrolle mehr darüber zu haben, was ich eigentlich wann sehe, führt jedenfalls bei mir dazu, mich nicht im Scrollen zu verlieren, sondern dass ich gar nicht mehr in den Feed schaue. Nur die Storys haben noch einen Wert, denn die werden (noch) nicht mit Inhalten von Accounts bespielt, denen ich gar nicht folge und auch nicht folgen will.
[...]dass im Programm kein Wort verloren wird über diesen "Zufall"... das ist halt leider ein Zeichen der Zeit, in der restauriert, rekonstruiert, beschönigt und verklärt wird wo es nur geht. Gibt es zu Beginn des Konzerts vielleicht ein Großwort von Wolfram Weimer? Was für eine beschämende Leistung der Berliner Staatsoper.
2017 hab ich das hier über eine fiktive "Lange Nacht der Nazikomponisten" geschrieben, es war natürlich ironisch gemeint… 1/2 medium.com/@gabrielberl...
Ob ich diesen Vergleich gelungen oder faul finden soll, weiß ich selbst noch nicht so genau. Treffend ist er nichtsdestotrotz:
In her classic novel Frankenstein, author Mary Shelley imagines a monster that's reanimated with its piecemeal body sewn together, tendon by tendon. “The dissecting room and the slaughter-house furnished many of my materials,” Shelley writes. That’s exactly what scrolling through Instagram feels like right now—an ungodly morass of features stitched together.
Das schreibt Reece Rogers für Wired und er hat unterm Strich natürlich recht. Früher™ mochte ich Instagram wirklich sehr. Über jeden Post sind erst mal drölfzig Filter gerutscht. Alles war eine ästhetische Zumutung. Aber es kam von echten Menschen. Das war noch, bevor Facebook für den aus heutiger Sicht verdammt schmalen Taler von einer Milliarde US-Dollar Instagram übernommen hat. Der/mein Feed bestand aus echten Menschen.
Heute ist das natürlich komplett anders – und das liegt nicht nur daran, dass ich unter anderem auch Medien wie dem Deutschlandfunk folge. Es ist auch die totale Verunmöglichung, bequem und dauerhaft von der algorithmischen zur chronologischen Timeline zu wechseln. Gar keine Kontrolle mehr darüber zu haben, was ich eigentlich wann sehe, führt jedenfalls bei mir dazu, mich nicht im Scrollen zu verlieren, sondern dass ich gar nicht mehr in den Feed schaue. Nur die Storys haben noch einen Wert, denn die werden (noch) nicht mit Inhalten von Accounts bespielt, denen ich gar nicht folge und auch nicht folgen will.
Die heutigen Dailies unter anderem mit: „Twin Peaks“ für umme, Spielepodcasts und roten Linien
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