No Greater Love

Ein Dokument des Verschiebens – des Verschiebens von jeder moralischen Grenze, jeden Tag ein Stück mehr. Die dafür notwendigen Schritte sind mal klein, mal groß und folgen einem paradoxen Muster. Einerseits ist die reine Schlagzahl dieser Grenzverschiebungen desorientierend, andererseits aber auch eine Summe vieler kleiner, kontinuierlich gefällter Entscheidungen, die einen Gewöhnungseffekt erzeugen.

Masaki Kobayashi lässt dafür grandios Form und Inhalt nahtlos ineinandergreifen. Denn dieses Abrutschen in die Unmoral findet auch bildkompositorisch Widerhall. In Momenten, in denen die Zivilisation zugunsten der Barbarei abgerissen wird, ist der Protagonist oftmals mit mehreren anderen Menschen im Raum. Es entsteht eine Enge, ein Zwang, eine Unmöglichkeit der Flucht.

Wenn der Protagonist jedoch Auswege aus dem Grauen sieht, Hoffnung hegt, Liebe empfindet, dann ist er oft entweder mit seiner Frau oder ganz alleine in karger, aber ausladender Landschaft im Bild.

Ganz ohne Worte erzählt Kobayashi alleine auf der Bildebene von Fremdheitserfahrungen, kollektiven Zwängen, Vereinsamung und Vereinzelung.

★★★★½

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Road to Eternity

In diesem Mittelstück der Trilogie wird nun der Krieg ausgebreitet – nicht der gegen den Westen, gegen die Alliierten, sondern der Krieg nach innen hinein. Es ist ein Krieg gegen die Menschlichkeit und die Empathie im gesamtgesellschaftlichen und ganz individuellen Sinne und damit natürlich straight aus dem Playbook des Faschismus.

Und wie zuvor findet das auch Widerhall in den Bildern. Einzelne Figuren nähern sich in ihrer Erscheinung immer weiter einander und dem Hintergrund an. Die von Arbeit und Entbehrung gezeichneten Gesichter, die Mützen und schlecht sitzenden Uniformen verschleiern die einstigen Konturen dieser Menschen und lassen sie in einem kollektiven Elend aufgehen.

Wie sehr dieser Krieg nach innen wirkt, wird auch dadurch unterstrichen, dass von den eigentlichen Kampfhandlungen sehr lange gar nichts zu sehen ist, dann an der Front erst nur eine Handvoll Panzer und schließlich noch weniger gegnerische Soldaten lediglich von hinten. Sich gegenseitig in die Augen sehen können nur die Japaner selbst – und durch manche dieser Augen scheint kaum noch Menschlichkeit.

★★★★½

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A Soldier's Prayer

Geografisch und moralisch desorientiert stapfen diese Männer, diese Soldaten durch die kärgsten, vom Krieg gezeichneten Landschaften wie durch eine Galerie mit den Abgründen des japanischen Faschismus. Szene um Szene wird ihnen vorgeführt und klarer, was sie diesem Land und seinen Menschen angerichtet haben. Sie schlagen sich wortwörtlich durch die Felder, um dort sinngemäß zu ernten, was sie vorher gesät haben.

Dieser Weg der besiegten japanischen Soldaten, diese Flucht ist gleichermaßen eine Suche nach Absolution und Erlösung, die in ihren Bildmotiven an Kurosawas Samurai oder Kobyashis späteren HARAKIRI erinnert. Etwa diese Soldaten, die als einsame Wölfe auf der Flucht sind, weil sie langsam begreifen, dass sie durch ihre Taten jegliche „Ehre“ hinter sich gelassen haben. Oder der Protagonist, der zum Schluss noch einmal vor sich selbst und dem Gedanken an seine Frau Rechenschaft für seine Taten ablegt. Der sein Gewissen ehrlichen Herzens offenlegt.

★★★★½

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