Nach der Null kommt die Eins. Bei Roberto Rossellini liegen dazwischen gut 26 Jahre. 26 Jahre, die zwischen GERMANY, YEAR ZERO und YEAR ONE liegen. 26 Jahre, um das Grundlegende im Kampf gegen den Faschismus und für die Demokratie auszuformulieren. 26 Jahre, in denen Rossellini keine ästhetischen Kategorien für diese Kämpfe findet – oder zum Schluss kommt, dass diese Kämpfe nicht ästhetisiert werden sollten.

Akribisch dröselt Rossellini auf, dass Demokratie kein Naturzustand ist, auf den die Gesellschaft nach dem Zerbrechen eines anderen Herrschaftssystems zurückfällt. Dass die Demokratie ein extrem fragiles Konstrukt ohne Finalzustand ist, weil sie von einem permanenten Aushandeln von Werten, einem Kräftemessen zwischen progressiven und konservativen Lagern lebt. Dass sie unvereinbar mit machtpolitischen und persönlichen Ambitionen ist.

Und dass diese Demokratie ein System voller Widersprüche ist. Denn auch in Rossellinis Beobachtung ist der Grat zwischen einer idealerweise vom Volke ausgehenden Souveränität auf der einen, und einem Elitenklüngel auf der anderen Seite extrem schmal – und permanenter Kompromissfindung unterliegt.

Wirklich jedem noch so kleinen Zahnrädchen scheint hier Rechnung getragen zu werden. Und vielleicht kann und sollte das nicht ästhetisiert werden. Die Gedanken darüber, die Rossellini hier bei mir angestoßen hat, sind dann jedoch interessanter als die rein filmische Ebene von YEAR ONE, die mich mit ihrer Ikonisierung der Bürokratie nicht unbedingt abgeholt hat.

★★★☆☆

Der Film steht noch bis zum 30. April 2026 kostenlos bei Arte in der Mediathek.

Jahr Eins - Film in voller Länge | ARTE
Anhand der Figur von Alcide De Gasperi, dem Gründer der Christdemokratischen Partei, untersucht der Filmemacher den politischen Wiederaufbau Italiens nach dem Faschismus. Eine Geschichtsstunde, die seine Bewunderung für diesen symbolträchtigen Staatsmann zum Ausdruck bringt.
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