Letztlich haben wir hier ein durchaus komplexes Machtgeflecht, das immer wieder durch Transgression versucht wird, aufzudröseln. Diese Versuchsanordnung offenbart, wie die Nazis die eigene Machtposition durch Erniedrigung und Entmenschlichung ihrer Opfer etablierten und wie auch nach 1945 die alten Seilschaften weiter bestehen und Einfluss ausüben konnten – und zwar durch unter anderem Kompromat, das das Kartenhaus zusammengehalten hat. Wer den Mund aufmacht, wird direkt mit in den Abgrund gerissen.
Nun ist die Frage, wer jetzt, in der Gegenwart des Films, Macht über wen hat – der Altnazi über die ehemalige KZ-Insassin, die er einst sexuell ausbeutete, oder die überlebende Frau, die mit ihrem Wissen den Nazi vermutlich lebenslang hinter Gitter oder sogar in den sicheren Tod schicken kann?
Doch dieser Rachefantasie gibt sich der Film nicht hin – zum Glück. Er benennt aus meiner Sicht klar, wer Täter ist. Denn letztlich ist die KZ-Überlebende nie wirklich in der Lage, ihre theoretische Macht auszuüben, den Spieß umzudrehen. Der Überlebenstrieb scheint instinktiv wieder einzusetzen, als sie sich erneut auf ihren Peiniger „einlässt“ und in alte, im KZ überlebensnotwendige Muster zurückfällt.
Es gibt Dinge, von denen der 8. Mai 1945 eben nicht befreien konnte.
★★★★☆
