🎬 LSC6: A Canterbury Tale (1944) – An der Kreuzung falsch abgebogen

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film von Powell und Pressburger zu schauen.


A CANTERBURY TALE erzählt von der Sinnsuche im Krieg und im weiteren Sinne im eigenen Leben und nach jenem Selbst, das von den Unmenschlichkeiten des Krieges zerstört wurde. Die Geschichte beschreibt sowohl eine sinnbildliche als auch eine tatsächliche Pilgerreise, den Kampf um Emanzipation, Geborgenheit und Erfüllung.

Bereits wenige Minuten nach Beginn des Films setzen Emeric Pressburger und Michael Powell einen Match Cut ein, dessen Wirkung dem berühmten aus Stanley Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY verdammt nahe kommt. Und das will etwas heißen. Während in Kubricks Meisterwerk der Menschenaffe einen frisch als Waffe entdeckten Knochen in die Luft wirft und das Motiv durch einen Match Cut zu einem Satelliten in der Erdumlaufbahn wechselt, setzt A CANTERBURY TALE nicht auf die Abbildung technologischer Entwicklungen über eine Zeitspanne von mehreren Millionen Jahren. Dafür steht der Niedergang der Zivilisation im Zentrum, der einen im Wind über einer Reihe ausgelassener Pilger:innen gleitenden Vogel einem über die englische Idylle hereinfallendes Jagdflugzeug voranstellt und einen Soldaten an die Stelle eines Pilgers treten lässt. Die Pferde der Pilger:innen sind jetzt Panzer, die religiöse Klassenfahrtutopie dem Grauen des Krieges gewichen.

Zusammen mit exzellenter Kameraarbeit sind es Szenen wie diese, die A CANTERBURY TALE mit einer potenziell außergewöhnlichen Wirkmacht ausstatten. Der Film porträtiert die Sehnsucht nach einfacheren Problemen, die für meinen Geschmack jedoch leider immer etwas zu sehr mit Klamauk und überzogener Culture-Clash-Comedy ihr Ziel aus den Augen verliert und zu oft in uninteressante Richtungen abbgiegt.


🎬 LSC6: Vanilla Sky (2001) – Das Werturteil am Ende

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film mit Tilda Swinton zu schauen.


VANILLA SKY liefert interessante Beobachtungen einer Psyche, in der zunächst mehr als nur selbst überhöhte Traumata eines Rich Kids stecken. Die Substanz dieser Betrachtung steht und fällt jedoch mit dem klar polarisierend angelegten Ende. Genau wie Tom Cruises David Aames wird die Zuschauer:in damit gezwungen, ein Werturteil zu fällen. Für mich bleibt am Ende demnach leider nicht viel mehr als ein plattes, aber immerhin noch berührend inszeniertes “Mit Geld kann man weder Glück noch Erfüllung kaufen” übrig. Schade.


🎬 LSC6: Never-Ending Man: Hayao Miyazaki (2016) – Falsches DV-Diktat

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film von GKIDS zu schauen.


NEVER-ENDING MAN ist wohl nur für diejenigen interessant, die sich bereits im Vorfeld näher mit Hayao Miyazaki beschäftigt haben. Denn die Doku tut wenig dafür, die Motivationen und Ziele des Animationsmeisters zu verdeutlichen. Sie ist in den falschen Moment zurückhaltend und von unnötig gekünsteltem Respekt seinem Subjekt gegenüber geprägt. Keine der beiden aufgegriffenen Fäden werden zufriedenstellend bis zu deren Ende verfolgt. Dazu ist der Film eine formale Katastrophe, die wie ein Amateurprojekt wirkt, das sich seinen Umfang vom verfügbaren DV-Band und nicht der Erzählstruktur hat diktieren lassen. Diese Doku kann getrost ignoriert werden und ist wohl letztlich nur etwas für absolute Miyazaki-Ultras.


🎬 LSC6: The Watermelon Woman (1996) – Unfokussiert auf den Punkt

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film von einer Schwarzen Regisseurin und/oder Drehbuchautorin zu schauen.


THE WATERMELON WOMAN ist ein Film, der (aus der heutigen Sicht eines weißen und nicht betroffenen Menschen) mit einer fast an Belanglosigkeit grenzenden Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit daherkommt. Dass er das natürlich nicht ist, untermauert ein Blick auf das Release-Jahr und vor die eigene Haustür. Cheryl Dunyes Film ist ein Zeugnis davon, wie lange bereits in vergleichsweise aufgeklärten Zeiten um Repräsentation gerungen wird – vor der Kamera, hinter der Kamera und in allen Bereichen der Gesellschaft – und welche Rolle dabei nicht nur Hautfarbe, sondern unter anderem auch weitere Teile der kulturellen und sexuellen Identität spielen.

Nur als Film will das noch nicht total rund zusammenkommen. Klar, die amateurhafte Aufmachung untermalt den Charme des nur lose strukturierten Selbstfindungsprozesses. Und THE WATERMELON WOMAN bringt die Sache letztlich doch noch auf einen konkreten und bedeutsamen Punkt. Die Argumente sind alle da, jedoch zu unfokussiert.


📺 LSC6: Olive Kitteridge (2014) – Früher war eben nicht alles besser

Die Challenge in dieser Woche ist, eine bisher ungesehne Miniserie zu schauen.


Das war herzzerreißend, nervenaufreibend und bittersüß zugleich. OLIVE KITTERIDGE liefert vier Episoden, die nicht leicht zu verdauen sind. Letztlich geht es um die Dämonen, mit denen wir alle aus den unterschiedlichsten Gründen zu kämpfen haben – wie wir mit ihnen wachsen oder an ihnen zerbrechen. Und dass das eben nichts ist, das man einfach ignorieren und zu den Akten legen kann. Trauma beeinflusst Generationen. Früher war eben nicht alles besser und es ist egal, was die Leute denken.

OLIVE KITTERIDGE lässt keine eindeutigen Diagnosen zu, erlaubt charakterliche Ambiguität und ergeht sich in Grauzonen – und ist dabei dank des spektakulären Casts in großen und kleinen Rollen erfolgreich: Frances McDormand, Richard Jenkins, Zoe Kazan, Rosemarie DeWitt, John Gallagher Jr., Ann Dowd, Jesse Plemons, Bill Murray, Peter Mullan, Rachel Brosnahan.