🎬 LSC6: Vanilla Sky (2001) – Das Werturteil am Ende

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film mit Tilda Swinton zu schauen.


VANILLA SKY liefert interessante Beobachtungen einer Psyche, in der zunächst mehr als nur selbst überhöhte Traumata eines Rich Kids stecken. Die Substanz dieser Betrachtung steht und fällt jedoch mit dem klar polarisierend angelegten Ende. Genau wie Tom Cruises David Aames wird die Zuschauer:in damit gezwungen, ein Werturteil zu fällen. Für mich bleibt am Ende demnach leider nicht viel mehr als ein plattes, aber immerhin noch berührend inszeniertes “Mit Geld kann man weder Glück noch Erfüllung kaufen” übrig. Schade.


🎬 LSC6: Never-Ending Man: Hayao Miyazaki (2016) – Falsches DV-Diktat

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film von GKIDS zu schauen.


NEVER-ENDING MAN ist wohl nur für diejenigen interessant, die sich bereits im Vorfeld näher mit Hayao Miyazaki beschäftigt haben. Denn die Doku tut wenig dafür, die Motivationen und Ziele des Animationsmeisters zu verdeutlichen. Sie ist in den falschen Moment zurückhaltend und von unnötig gekünsteltem Respekt seinem Subjekt gegenüber geprägt. Keine der beiden aufgegriffenen Fäden werden zufriedenstellend bis zu deren Ende verfolgt. Dazu ist der Film eine formale Katastrophe, die wie ein Amateurprojekt wirkt, das sich seinen Umfang vom verfügbaren DV-Band und nicht der Erzählstruktur hat diktieren lassen. Diese Doku kann getrost ignoriert werden und ist wohl letztlich nur etwas für absolute Miyazaki-Ultras.


🎬 LSC6: The Watermelon Woman (1996) – Unfokussiert auf den Punkt

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film von einer Schwarzen Regisseurin und/oder Drehbuchautorin zu schauen.


THE WATERMELON WOMAN ist ein Film, der (aus der heutigen Sicht eines weißen und nicht betroffenen Menschen) mit einer fast an Belanglosigkeit grenzenden Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit daherkommt. Dass er das natürlich nicht ist, untermauert ein Blick auf das Release-Jahr und vor die eigene Haustür. Cheryl Dunyes Film ist ein Zeugnis davon, wie lange bereits in vergleichsweise aufgeklärten Zeiten um Repräsentation gerungen wird – vor der Kamera, hinter der Kamera und in allen Bereichen der Gesellschaft – und welche Rolle dabei nicht nur Hautfarbe, sondern unter anderem auch weitere Teile der kulturellen und sexuellen Identität spielen.

Nur als Film will das noch nicht total rund zusammenkommen. Klar, die amateurhafte Aufmachung untermalt den Charme des nur lose strukturierten Selbstfindungsprozesses. Und THE WATERMELON WOMAN bringt die Sache letztlich doch noch auf einen konkreten und bedeutsamen Punkt. Die Argumente sind alle da, jedoch zu unfokussiert.


📺 LSC6: Olive Kitteridge (2014) – Früher war eben nicht alles besser

Die Challenge in dieser Woche ist, eine bisher ungesehne Miniserie zu schauen.


Das war herzzerreißend, nervenaufreibend und bittersüß zugleich. OLIVE KITTERIDGE liefert vier Episoden, die nicht leicht zu verdauen sind. Letztlich geht es um die Dämonen, mit denen wir alle aus den unterschiedlichsten Gründen zu kämpfen haben – wie wir mit ihnen wachsen oder an ihnen zerbrechen. Und dass das eben nichts ist, das man einfach ignorieren und zu den Akten legen kann. Trauma beeinflusst Generationen. Früher war eben nicht alles besser und es ist egal, was die Leute denken.

OLIVE KITTERIDGE lässt keine eindeutigen Diagnosen zu, erlaubt charakterliche Ambiguität und ergeht sich in Grauzonen – und ist dabei dank des spektakulären Casts in großen und kleinen Rollen erfolgreich: Frances McDormand, Richard Jenkins, Zoe Kazan, Rosemarie DeWitt, John Gallagher Jr., Ann Dowd, Jesse Plemons, Bill Murray, Peter Mullan, Rachel Brosnahan.


🎬 LSC6: The Last Black Man in San Francisco (2019) – Blick unter den progressiv gemusterten Wolfspelz

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film aus 2019 zu schauen, der noch auf der Watchlist steht.


Joe Talbots THE LAST BLACK MAN IN SAN FRANCISCO verhandelt in erster Linie die Frage, was eigentlich als Vermächtnis gelten kann – materielle oder immaterielle Werte? Und das passiert alles vor dem Hintergrund der Gentrifizierung. Denn dieser Prozess ist nicht nur “Bäumchen, wechsle dich” auf dem Wohnungsmarkt, sondern letztlich Regression im progressiv gemusterten Wolfspelz. Verdrängt werden nämlich nicht nur im Verhältnis finanzschwächere Menschen, sondern damit auch gesellschaftliche Entwicklung und individuelle Geschichte. Und das führt letztlich zu noch mehr Monokultur und Segregation in der Gesellschaft. Es verhindert ein Zusammenwachsen nicht nur auf allen Ebenen, es fördert es sogar.

THE LAST BLACK MAN IN SAN FRANCISCO zeichnet ein warmherziges Porträt einer Stadt, die sich von sich selbst entfremdet hat und dabei in Kauf genommen hat, dass ihr Herz, ihre Einwohner*innen unter die Räder kamen. Es ist eine (Stadt-)Gesellschaft, die sich ob der Perspektive vermeintlich großen Wohlstands selbst gefressen und wieder ausgespuckt hat.

Und so schwer die dem Film zugrunde liegenden Themen letztlich sind, so beschwingt ist gleichzeitig die Leichtigkeit, mit der Talbot seine beiden Hauptdarsteller Jimmie Fails und Jonathan Majors derart grandios durch eine solche emotionale Dichte dirigiert. Beide stellen für das Publikum die Fragen, wer eigentlich die Früchte der eigenen Arbeit erntet. Was passiert, wenn das eigene Vermächtnis nicht mehr als anderer Menschen Eigentum ist. Was bleibt dann übrig? In THE LAST BLACK MAN IN SAN FRANCISCO ist es eine zu Tränen rührende, innige Freundschaft. Ein Band, das kein materielles Gut dieser Welt zertrennen könnte. Eine Freundschaft, die mit jeglichen konservativen Erwartungen an Männlichkeit bricht und daran wächst.