🎬 LSC6: The Piano (1993) – Wertlose Worte

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehen Film von Jane Campion zu schauen.


THE PIANO ist ein malerisch-poetischer Film über Kommunikation und was das eigentlich ist, wo und wie sie unter der verbalen Oberfläche stattfindet und warum das gesprochene Wort letztlich wertlos ist, wenn die entsprechenden Taten nicht folgen.

Kommunikation ist nicht, beim Sprechen mit der stummen Mutter sie keines Blickes zu würdigen und nur das übersetzende Kind anzuschauen. Denn sie spricht auch – sogar sehr deutlich. Nur eben nicht im konventionellen Sinne. Doch ist das weniger Wert?

Scheinbar schon, denn obwohl es einen gibt, der sie nicht nur sieht, sondern auch hört, ist es genau diese Person, unter der die Stumme mehr als bisher zur Ware verkommt – was das Ende für mich teilweise fragwürdig erscheinen lässt.


🎬 LSC6: Thief (1981) – Nichts ohne die Lichter der Großstadt

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehen Film mit Soundtrack von Tangerine Dream zu schauen.


Michael Mann versteht es, Profis bei ihrer Arbeit zu inszenieren. James Caan und Jim Belushi gehen mit ihrem Panzerknackerwerkzeug genauso virtuos um wie eine Violinist*in mit ihrer Geige und arbeiten so präzise zusammen wie ein Orchester gemeinsam Kompositionen zum Leben erweckt. Ihre krummen Deals wickeln sie mit der Smoothness aalglatter Börsianer*innen ab – und zwar als ob ihnen die Welt zu Füßen liegt und sie nichts und niemandem Rechenschaft schuldig sind. Wobei das wohl mehr über die Wall Street als die Gebaren einer Handvoll Gangster aussagt.

Ihre unfassbare Coolness scheint ihnen jedenfalls nicht ihr Können, sondern die Metropole New York City selbst zu verleihen. Doch ohne die Lichter dieser Großstadt wären sie nichts – nur Typen, die sich gerne reden hören, aber denen niemand zuhört.

THIEF ist ein ästhetisch beeindruckender Film über den „one last job”, der dem Genre auch in 1981 praktisch nichts Neues hinzuzufügen hatte.


🎬 LSC6: The Young and the Damned (1950) – Getreten wird immer nur nach unten

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehen Film aus dem Goldenen Zeitalter des mexikanischen Kinos zu schauen.


Im Intro von THE YOUNG AND THE DAMNED wird angekündigt, dass es sich nicht um einen optimistischen Film handelt. Und so ist es auch – auch mehr als 70 Jahre nach Release noch. Denn obwohl sich ganz allgemein die Lebensbedingungen (zumindest in der westlichen Welt) gebessert haben, hat insbesondere ein Phänomen Fortbestand: dass die Abgehängten ohne mit der Wimper zu zucken nach unten treten, aber keinen Angriff auf die eigentlichen Ausbeuter:innen starten. Attackiert werden nur die Blinden, die vermeintlich dummen Arbeiter:innen vom Land, die noch Ärmeren, die noch Hungrigeren, die Ausgegrenzten, aber auch die eigenen Freund:innen und die Familie. Luis Buñuel hat damit ein zeitloses Gespür für gesellschaftlich-ökonomische Zusammenhänge bewiesen.


🎬 LSC6: Chaplin (1992) – Schlechter Bauschaum

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film mit Sven Nykvist hinter der Kamera zu schauen.


Schlechte gekünstelte Akzente, forcierte Melancholie, seelenlos-mechanisches Schauspiel, mit dem Best-of der iMovie-Übergänge geschnitten und dem rührseligsten “Rosamunde Pilcher”-Soundtrack unterlegt: Das ist CHAPLIN. Der Film gibt vor Lücken zu schließen, versucht diese aber mit weit hinter dem Verfallsdatum liegenden Bauschaum zu stopfen.

Was ich nicht sehen will, aber unweigerlich zu sehen bekomme, ist das, was ich sowieso schon weiß. Weil ich Filme von Charlie Chaplin gesehen habe. Weil ich hier und da eine Anektdote über sein Leben gelesen habe. Was ich wissen will, ist, was Charlie Chaplin in diesen Zwischenmomenten, in denen keine Kamera dabei war, gefühlt und bewegt hat. Aber der Film macht genau den Fehler, den Anthony Hopkins als fiktiver Verleger George Hayden dem unter die Autobiografen gegangenen Filmemacher vorwirft: Er lässt sein Publikum nicht mitfühlen. Und obendrauf werden noch Vergewaltigungen verharmlost und normalisiert.

Thanks, I hate it.


🎬 LSC6: Dead Man (1995) – Haben Sie Tabak?

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Acid-Western zu schauen.


Die ersten komplett wortlosen fünf Minuten von DEAD MAN, mit ihren kurzen Charakterstudien, wunderschönen Landschaftsaufnahmen und am Eisenbahnwagon vorbeiziehenden Details, erzählen mehr über das Amerika des 19. Jahrhunderts, als es der Rest des Films vermag.

Er beginnt stark, rennt gegen den Frühkapitalismus sowie die Ausbeutung der Natur an, zeichnet die Anfänge der Industrialisierung so nach, wie David Lynch sie in seinem Spielfilmdebüt ERASERHEAD fortführt: bedrohlich, überlebensgroß, lauernd und in ihrem vollen Ausmaß nur zu erahnen.

Doch dann verkommt DEAD MAN schnell zu einem selbstverliebten Roadtrip, der sich mal hier über die Waffenvernarrtheit der US-Amerikaner lustig macht (Ihre Poesie ist der Daumen auf dem Abzug, ihre Religion der Tod), mal hier das Western-Genre ad absurdum führt und somit dort mit der unnötigen Romantisierung dieser Ära bricht – nur eben ohne wirklichen Biss und Minute für Minute abnehmendem Fokus.

Do you have tobacco?