🎬 LSC6: Thief (1981) – Nichts ohne die Lichter der Großstadt

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehen Film mit Soundtrack von Tangerine Dream zu schauen.


Michael Mann versteht es, Profis bei ihrer Arbeit zu inszenieren. James Caan und Jim Belushi gehen mit ihrem Panzerknackerwerkzeug genauso virtuos um wie eine Violinist*in mit ihrer Geige und arbeiten so präzise zusammen wie ein Orchester gemeinsam Kompositionen zum Leben erweckt. Ihre krummen Deals wickeln sie mit der Smoothness aalglatter Börsianer*innen ab – und zwar als ob ihnen die Welt zu Füßen liegt und sie nichts und niemandem Rechenschaft schuldig sind. Wobei das wohl mehr über die Wall Street als die Gebaren einer Handvoll Gangster aussagt.

Ihre unfassbare Coolness scheint ihnen jedenfalls nicht ihr Können, sondern die Metropole New York City selbst zu verleihen. Doch ohne die Lichter dieser Großstadt wären sie nichts – nur Typen, die sich gerne reden hören, aber denen niemand zuhört.

THIEF ist ein ästhetisch beeindruckender Film über den „one last job”, der dem Genre auch in 1981 praktisch nichts Neues hinzuzufügen hatte.


🎬 LSC6: The Young and the Damned (1950) – Getreten wird immer nur nach unten

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehen Film aus dem Goldenen Zeitalter des mexikanischen Kinos zu schauen.


Im Intro von THE YOUNG AND THE DAMNED wird angekündigt, dass es sich nicht um einen optimistischen Film handelt. Und so ist es auch – auch mehr als 70 Jahre nach Release noch. Denn obwohl sich ganz allgemein die Lebensbedingungen (zumindest in der westlichen Welt) gebessert haben, hat insbesondere ein Phänomen Fortbestand: dass die Abgehängten ohne mit der Wimper zu zucken nach unten treten, aber keinen Angriff auf die eigentlichen Ausbeuter:innen starten. Attackiert werden nur die Blinden, die vermeintlich dummen Arbeiter:innen vom Land, die noch Ärmeren, die noch Hungrigeren, die Ausgegrenzten, aber auch die eigenen Freund:innen und die Familie. Luis Buñuel hat damit ein zeitloses Gespür für gesellschaftlich-ökonomische Zusammenhänge bewiesen.


🎬 LSC6: Chaplin (1992) – Schlechter Bauschaum

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film mit Sven Nykvist hinter der Kamera zu schauen.


Schlechte gekünstelte Akzente, forcierte Melancholie, seelenlos-mechanisches Schauspiel, mit dem Best-of der iMovie-Übergänge geschnitten und dem rührseligsten “Rosamunde Pilcher”-Soundtrack unterlegt: Das ist CHAPLIN. Der Film gibt vor Lücken zu schließen, versucht diese aber mit weit hinter dem Verfallsdatum liegenden Bauschaum zu stopfen.

Was ich nicht sehen will, aber unweigerlich zu sehen bekomme, ist das, was ich sowieso schon weiß. Weil ich Filme von Charlie Chaplin gesehen habe. Weil ich hier und da eine Anektdote über sein Leben gelesen habe. Was ich wissen will, ist, was Charlie Chaplin in diesen Zwischenmomenten, in denen keine Kamera dabei war, gefühlt und bewegt hat. Aber der Film macht genau den Fehler, den Anthony Hopkins als fiktiver Verleger George Hayden dem unter die Autobiografen gegangenen Filmemacher vorwirft: Er lässt sein Publikum nicht mitfühlen. Und obendrauf werden noch Vergewaltigungen verharmlost und normalisiert.

Thanks, I hate it.


🎬 LSC6: Dead Man (1995) – Haben Sie Tabak?

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Acid-Western zu schauen.


Die ersten komplett wortlosen fünf Minuten von DEAD MAN, mit ihren kurzen Charakterstudien, wunderschönen Landschaftsaufnahmen und am Eisenbahnwagon vorbeiziehenden Details, erzählen mehr über das Amerika des 19. Jahrhunderts, als es der Rest des Films vermag.

Er beginnt stark, rennt gegen den Frühkapitalismus sowie die Ausbeutung der Natur an, zeichnet die Anfänge der Industrialisierung so nach, wie David Lynch sie in seinem Spielfilmdebüt ERASERHEAD fortführt: bedrohlich, überlebensgroß, lauernd und in ihrem vollen Ausmaß nur zu erahnen.

Doch dann verkommt DEAD MAN schnell zu einem selbstverliebten Roadtrip, der sich mal hier über die Waffenvernarrtheit der US-Amerikaner lustig macht (Ihre Poesie ist der Daumen auf dem Abzug, ihre Religion der Tod), mal hier das Western-Genre ad absurdum führt und somit dort mit der unnötigen Romantisierung dieser Ära bricht – nur eben ohne wirklichen Biss und Minute für Minute abnehmendem Fokus.

Do you have tobacco?


🎬 LSC6: A Canterbury Tale (1944) – An der Kreuzung falsch abgebogen

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film von Powell und Pressburger zu schauen.


A CANTERBURY TALE erzählt von der Sinnsuche im Krieg und im weiteren Sinne im eigenen Leben und nach jenem Selbst, das von den Unmenschlichkeiten des Krieges zerstört wurde. Die Geschichte beschreibt sowohl eine sinnbildliche als auch eine tatsächliche Pilgerreise, den Kampf um Emanzipation, Geborgenheit und Erfüllung.

Bereits wenige Minuten nach Beginn des Films setzen Emeric Pressburger und Michael Powell einen Match Cut ein, dessen Wirkung dem berühmten aus Stanley Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY verdammt nahe kommt. Und das will etwas heißen. Während in Kubricks Meisterwerk der Menschenaffe einen frisch als Waffe entdeckten Knochen in die Luft wirft und das Motiv durch einen Match Cut zu einem Satelliten in der Erdumlaufbahn wechselt, setzt A CANTERBURY TALE nicht auf die Abbildung technologischer Entwicklungen über eine Zeitspanne von mehreren Millionen Jahren. Dafür steht der Niedergang der Zivilisation im Zentrum, der einen im Wind über einer Reihe ausgelassener Pilger:innen gleitenden Vogel einem über die englische Idylle hereinfallendes Jagdflugzeug voranstellt und einen Soldaten an die Stelle eines Pilgers treten lässt. Die Pferde der Pilger:innen sind jetzt Panzer, die religiöse Klassenfahrtutopie dem Grauen des Krieges gewichen.

Zusammen mit exzellenter Kameraarbeit sind es Szenen wie diese, die A CANTERBURY TALE mit einer potenziell außergewöhnlichen Wirkmacht ausstatten. Der Film porträtiert die Sehnsucht nach einfacheren Problemen, die für meinen Geschmack jedoch leider immer etwas zu sehr mit Klamauk und überzogener Culture-Clash-Comedy ihr Ziel aus den Augen verliert und zu oft in uninteressante Richtungen abbgiegt.