📝 The Man Who Sold His Skin (2020) – Die Würde des Menschen ist tätowierbar

Screenshot: kino-zeit.de

Der Deal: Sam Ali lässt sich ein Schengen-Visum auf den Rücken tätowieren und bekommt im Gegenzug ein tatsächliches Visum mit absoluter Reisefreiheit organisiert. Gleichzeitig muss er als nun lebendes Kunstwerk jedoch auf Fingerschnippen für Ausstellungen bereitstehen. Der Exzess der westlichen Welt wird wortwörtlich auf dem Rücken der Geflüchteten ausgetragen. Die Würde des Menschen ist zwar nicht antastbar, aber offensichtlich tätowierbar.

Spätestens an dieser Stelle verabschiedet sich das Drehbuch von jeglicher Form der Subversion. Wer zwischendrin mal kurz aufs Handy schaut, muss keine Angst haben, etwas zu verpassen. Denn The Man Who Sold His Skin setzt zwar auf „show”, aber in noch viel größerem Maße auf „tell”.

The Man Who Sold His Skin (2020) – Die Würde des Menschen ist tätowierbar – kino-zeit.de

>> Zu meiner kompletten Kritik auf kino-zeit.de geht’s hier lang.

📝 Der Prinz aus Zamunda 2 (2021) – Weder „woke” noch witzig

Screenshot: musikexpress.de

DER PRINZ AUS ZAMUNDA 2 ist so sehr in der Struktur des Vorgängers gefangen, dass er nicht viel mehr als das leise Echo eines zumindest ansatzweise fortschrittlich in die Zukunft schauenden – jedenfalls im Kontext des Hollywood-Mainstreams der 1980er – Films darstellt. Wo Akeem noch mit veralteten Konventionen wie der Zwangsheirat brach, herrscht nun 30 Zamunda-Jahre später immer noch absoluter Stillstand. Der König gewordene Prinz scheint sich weiterhin von den königlichen Wäscherinnen beim morgendlichen Bad gründlich „säubern” zu lassen und mehr als nur ein Auge auf knapp bekleidete Tänzerinnen zu werfen. „Ab jetzt wird sich alles ändern”, verspricht Akeem trotzdem sinngemäß zum Schluss. Doch es ist zu spät. Das Franchise ist verdorben.

„Der Prinz aus Zamunda 2” bei Amazon Prime Video: Weder „woke” noch witzig – musikexpress.de

>> Zu meiner kompletten Kritik auf musikexpress.de geht’s hier lang.

📝 Billie Eilish: The World’s a Little Blurry (2021) – In dieser Doku ist nicht nur die Welt unscharf

Screenshot: musikexpress.de

BILLIE EILISH: THE WORLD’S A LITTLE BLURRY schafft es, die Zuschauer*innen innerhalb der monumentalen Spielzeit von zweieinhalb Stunden durch ein Wechselbad der Gefühle zu schicken. Einerseits ist der Film „eine radikal ehrliche Doku über einen Teenager, der zur Ikone wird”, wie Kritiker David Ehrlich für „Indiewire“ schreibt. Andererseits ist der Film Teil der Entertainment-Maschinerie – und auch des Problems, indem er die Schattenseiten des Ruhms nur vermeintlich kritisch betrachtet und sich so letztlich mit der ungesunden Legendenbildung innerhalb der Musikindustrie gemein macht.

„Billie Eilish: The World’s a Little Blurry” bei Apple TV+: In dieser Doku ist nicht nur die Welt unscharf – musikexpress.de

>> Zu meiner kompletten Kritik auf musikexpress.de geht’s hier lang.

🎬 LSC6: The Young and the Damned (1950) – Getreten wird immer nur nach unten

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehen Film aus dem Goldenen Zeitalter des mexikanischen Kinos zu schauen.


Im Intro von THE YOUNG AND THE DAMNED wird angekündigt, dass es sich nicht um einen optimistischen Film handelt. Und so ist es auch – auch mehr als 70 Jahre nach Release noch. Denn obwohl sich ganz allgemein die Lebensbedingungen (zumindest in der westlichen Welt) gebessert haben, hat insbesondere ein Phänomen Fortbestand: dass die Abgehängten ohne mit der Wimper zu zucken nach unten treten, aber keinen Angriff auf die eigentlichen Ausbeuter:innen starten. Attackiert werden nur die Blinden, die vermeintlich dummen Arbeiter:innen vom Land, die noch Ärmeren, die noch Hungrigeren, die Ausgegrenzten, aber auch die eigenen Freund:innen und die Familie. Luis Buñuel hat damit ein zeitloses Gespür für gesellschaftlich-ökonomische Zusammenhänge bewiesen.


🎬 LSC6: Chaplin (1992) – Schlechter Bauschaum

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film mit Sven Nykvist hinter der Kamera zu schauen.


Schlechte gekünstelte Akzente, forcierte Melancholie, seelenlos-mechanisches Schauspiel, mit dem Best-of der iMovie-Übergänge geschnitten und dem rührseligsten “Rosamunde Pilcher”-Soundtrack unterlegt: Das ist CHAPLIN. Der Film gibt vor Lücken zu schließen, versucht diese aber mit weit hinter dem Verfallsdatum liegenden Bauschaum zu stopfen.

Was ich nicht sehen will, aber unweigerlich zu sehen bekomme, ist das, was ich sowieso schon weiß. Weil ich Filme von Charlie Chaplin gesehen habe. Weil ich hier und da eine Anektdote über sein Leben gelesen habe. Was ich wissen will, ist, was Charlie Chaplin in diesen Zwischenmomenten, in denen keine Kamera dabei war, gefühlt und bewegt hat. Aber der Film macht genau den Fehler, den Anthony Hopkins als fiktiver Verleger George Hayden dem unter die Autobiografen gegangenen Filmemacher vorwirft: Er lässt sein Publikum nicht mitfühlen. Und obendrauf werden noch Vergewaltigungen verharmlost und normalisiert.

Thanks, I hate it.