LSC6: In the Heat of the Night (1967) – Kühler Kopf bei brodelndem Inneren

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen mit Sidney Poitier zu schauen.


Um diese Floskel gleich vorweg zu nehmen: IN THE HEAT OF THE NIGHT hat seit 1967 traurigerweise absolut nichts an Relevanz eingebüßt.

Damals wie heute ist Gleichberechtigung kein Begriff, der sich ausschließlich sich an unterschiedlich hoch ausfallenden Wochenlöhnen messen lassen kann. Das macht Norman Jewisons Film unmissverständlich klar. Er zeigt, wie praktisch irreparabel kaputt das System ist, durch das sich von dessen Struktur Profitierende einfach ungestraft hindurch dilettieren können.

Die Diskriminierung von Minderheiten – in diesem Fall vom Schwarzen Cop Virgil Tibbs – ist so fest mit System und Bewusstsein verschraubt, dass sie wie ein unanfechtbares Naturgesetz wirkt. Und das, während dem offenbar wirkungslose juristische Gesetze gegenüberstehen.

Treten Fehler auf, so wird nach den Ursachen ausschließlich an den Rändern der Mehrheitsgesellschaft und nicht in deren vermeintlich unbefleckter Mitte gesucht. Die Regeln gelten somit nicht für diejenigen, die sie durchsetzen sollen.

Gleichermaßen ist IN THE HEAT OF THE NIGHT Ausdruck einer diskriminierenden Leistungsgesellschaft, in der man als Minderheit erst dort Wert gewinnt, wo andere an die Grenzen ihrer Expertise stoßen. Und selbst das wird dann mit neiderfülltem Rassismus und unbegründetem Misstrauen bestraft.

Wer widerspricht, verliert. Die daraus resultierenden inneren Konflikte macht Sidney Poitier auf brillante Art und Weise sichtbar. Denn der von ihm gespielte Virgil Tibbs scheint in der Hitze der Nacht einen überraschend kühlen Kopf zu bewahren. Doch unter der Oberfläche brodelt es – weil er genau weiß, dass das System gegen ihn ist, obwohl er im Recht ist.

Letztlich versucht IN THE HEAT OF THE NIGHT zwar ein hoffnungsvolles Ende zu verkaufen. Doch der Ausblick bleibt aussichtslos. Denn Virgil Tibbs mag einen Rassisten zum Umdenken gebracht zu haben. Doch auf den Feldern Mississippis werden mehr als 100 Jahre nach Ende der Sklaverei immer noch Schwarze ausgebeutet. Das vermeintliche Naturgesetz besteht weiter, das juristische scheint keine Bewandtnis zu haben.


Das Wochenendmenü #31 – The Devil All the Time, Ratched & John Was Trying to Contact Aliens

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Wochenendmenü #31 und es ist wieder Zeit für Werbung in eigener Sache. Denn ich habe wieder für @musikexpress_magazin geschrieben: eine Kritik zu THE DEVIL ALL THE TIME. Aber ich will euch nicht nur zu meinem Text locken, sondern eine tatsächliche Empfehlung aussprechen. Die Links zur Kritik und allen (anderen) Tipps findet Ihr wie immer in der Bio!⁣ ⁣ 🎬 The Devil All the Time – “@tomholland2013, Robert Pattinson und Co. präsentieren uns in #TheDevilAllTheTime eine Abwärtsspirale, die wirklich kein Ende kennt. Gut gespielt und inszeniert ist der neue #Netflix-Film alle Male, aber wofür schauen wir uns dieses absolute Tief eigentlich an?” Das haben die Kolleg*innen vom Musikexpress im Teaser zu meiner Kritik gefragt. Und ganz ehrlich? Ich weiß es auch nicht. Der Film interessiert sich nicht für Ursache, sondern nur für Wirkung – aber die haut rein: Gewalt, religiöse Verblendung und blinder Gehorsam, an dessen Ende nichts als die Verweigerung steht, aus den Fehlern verlorener Generationen zu lernen. Es ist ein Film, der sich wegen Atmosphäre und Schauspiel lohnt, jedoch auf der Suche nach echtem Tiefgang gemieden werden sollte.⁣ ⁣ 📺 Ratched – Nurse Mildred Ratched entstammt “Einer flog über das Kuckucksnest”. Die Serie erzählt eine Geschichte mit @mssarahcatharinepaulson in der Rolle der Krankenschwester einer psychiatrischen Anstalt – als reines Entertainment-Paket geschnürt. #Ratched ist sicherlich nicht an komplexer Charakterzeichnung oder soziologischen Betrachtungen interessiert. Jedoch fesseln das atemberaubende Setdesign, das flashy Color-Grading und die neben einer grandiosen Sarah Paulson starke Liste an Nebendarstellern.⁣ ⁣ 🎬 John Was Trying to Contact Aliens – Zum Abschluss etwas Herzenswärme: #JohnWasTryingToContactAliens erzählt in 16 Minuten die Geschichte von John Shepherd, der über Jahrzehnte hinweg Musik gen Weltraum funkte – und nie Antwort bekam. Doch darum geht es er Kurzdoku nicht. Denn was viel mehr zählt: Wer Ausdauer hat, wird finden – wenn auch nicht unbedingt das, was er sucht.⁣ ⁣ ⁣ ___⁣ #movies #films #cinephile #flicks #movietime🎬 #streaming #moviejunkie #movierecommendation #movielovers #movieaddict #documentaries #netflix

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LSC6: Humpday (2009) – Freiheit ≠ Grenzenlosigkeit

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen für den Independent Spirit John Cassavetes Award nominierten Film zu schauen.


HUMPDAY ist ein Film, der die Begriffe von Freundschaft, Liebe, Beziehung und Sexualität infrage stellt. Er dekonstruiert normative Grenzen, zwischen denen wiederum die Grenzen von Intimität verlaufen. Lynn Sheltons († 05/2020) Film zeigt einerseits, wie vollkommen artifiziell, archaisch, anachronistisch sowie auf konservativen Moralvorstellungen aufbauend unsere gesellschaftliche Ausprägung dieser Begriffe ist. Andererseits macht sie auch deutlich, wo die klaren Herausforderungen einer freiheitlichen “You do you”-Gesellschaft liegen.

Denn Freiheit ist ein offenbar besonders für Egoismus gemachtes Nest. Und dem muss zwingend mit offener Kommunikation begegnet werden. Gleichermaßen ist Freiheit nicht mit Grenzenlosigkeit oder dem Zwang dazu gleichzusetzen. Denn Grenzen sind nicht zwingend restriktiv. Stattdessen bestimmen sie ganz individuelle Wohlfühlblasen. Und diese beim Gegenüber auch wahrzunehmen, definiert wiederum den Respektsbegriff.

So breit, wie ich diese mäandernden Ausführungen angelegt habe, funktioniert auch HUMPDAY. Die halb improvisierten Dialoge – und nicht zuletzt Mumblecore-Koryphäe Mark Duplass – verhelfen dem Film zu einer vereinnahmenden Authentizität. Doch irgendwann reicht es nicht mehr, einfach nur nach Echtheit zu streben. Denn der Film verliert zunehmend an Schwung, gibt seine anfängliche Kohärenz auf und beginnt zu zerfasern. Letztlich fehlt das höhere Ziel, auf das hinausgearbeitet wird.


Das Wochenendmenü #30 – Vivarium, A Cure for Wellness & The Speed Cubers

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Aus beruflichen Gründen, die nichts mit Filmen zu tun haben, musste das #Wochenendmenü letzte Woche ausfallen. Dafür habe ich für Ausgabe #30 eine spezielle Auswahl getroffen – und zwar drei Filme, die entweder durchaus gewöhnungsbedürftig oder unscheinbar sind. Die Links zu allen Tipps und zum Archiv findet ihr in meiner Bio!⁣ ⁣ 🎬 Vivarium – #Vivarium ist ein kleiner und vor allem komischer Film, der den Traum vom eigenen Familienheim mit hübschem Vorgarten und Kinderschaukel neben der Terrasse zur Vorstadthölle, eine Gefängniszelle ohne Tür werden lässt. Für Jesse Eisenberg sind solche Stoffe ein gemachtes Nest. Dazu spielen sich @impoots und er perfekt die Bälle zu – immer am Rande des Abgrunds zum psychischen und physischen Gau.⁣ ⁣ 🎬 A Cure for Wellness – #ACureForWellness ist – gelinde gesagt – gemischt aufgenommen worden. Und zugegeben, Gore Verbinskis Film hat sehr deutliche erzählerische Schwächen, die besonders im letzten Akt die Geduldsfäden strapazieren, zu sehr gängige Gothic-Horror-Klischees bedienen. Doch bis dahin schafft A CURE FOR WELLNESS unglaublich atmosphärische Momente, die durch Mark und Bein gehen und tiefsitzende Ängste abseits jeglicher Hollywood-Konventionen aktiviert.⁣ ⁣ 🎬 The Speed Cubers – #TheSpeedCubers ist weit mehr, als 40 Minuten lang Leuten dabei zuzusehen, wie sie in absurder Geschwindigkeit einen Rubik’s Cube nach dem anderen lösen. Denn eigentlich geht es um die Menschen, die an und um die Würfel herum (auf)wachsen, stärker werden und die noch die Möglichkeit haben, die Weichen ihres Lebens zu stellen.⁣ ⁣ ⁣ ___⁣ #movies #films #cinema #cinephile #flicks #movietime🎬 #streaming #goodmovie #moviejunkie #movierecommendation #movielovers #movieaddict #primevideo ##GoreVerbinski #JesseEisenberg #documentaries #speedcubing #rubikscube

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