The Punisher: Von der Realität eingeholt

Nach DAREDEVIL, JESSICA JONES, LUKE CAGE und IRON FIST (und der Ensemble-Geschichte THE DEFENDERS) steht mit THE PUNISHER die nächste Marvel-Serie in den Startlöchern von Netflix. In der Hauptrolle steckt Jon Bernthal, der bereits in der zweiten Staffel DAREDEVIL in der nun titelgebenden Rolle (alias Frank Castle) auftauchte. Bernthals Performance kam sowohl bei Kritikern als auch den Fans gut an, soweit ich das überblicken kann. Auch mir hat das alles ganz gut gefallen – und genau das liegt mir, je mehr ich darüber nachdenke, immer schwerer im Magen.

Der Punisher spricht etwas an, das vermutlich seit Urzeiten tief in den meisten von uns steckt: den Sinn für Gerechtigkeit und ein Verlangen nach eben dieser. Und machen wir uns nichts vor, mal eben einem Schurken™ die Faust ins Gesicht zu drücken statt etwa die Polizei zu rufen, ist wahrscheinlich auch den meisten schon mal in den Sinn gekommen. Der innere Trieb pfeift auf „Im Zweifel für den Angeklagten“, lässt sich aber prima mit gesundem Menschenverstand unterdrücken. Dass es da jemanden wie Frank Castle gibt, der diesen Trieb für uns auf dem Bildschirm (und seit Jahrzehnten in Comics) auslebt, hat also gewissermaßen auch etwas urbefriedigendes an sich. Mittlerweile ist das jedoch ein Problem für mich. Denn die Realität, mit der ich tagtäglich konfrontiert werde, hat die Marvel-Welt inzwischen eingeholt.

Das zeigt bereits ein Blick auf Facebook, Twitter oder in die Kommentarspalten größerer Medien. Mordaufrufe oder -drohungen sowie das Suhlen in Selbstjustiz-Fantasien (selbst unter Klarnamen!) sind im öffentlichen Diskurs in bestimmten Kreisen längst salonfähig geworden. Rechte Gewalt wird relativiert, während Flüchtlingsheime brennen und Tote in Kauf genommen werden. In den USA ziehen White Supremacists durch die Straßen und Trump redet von „very fine people“. Wird über Straftaten berichtet, an denen Geflüchtete beteiligt waren, braucht man gar nicht lange auf Kommentare in widerlichstem Nazi-Jargon zu warten. Rechte „Bürgerwehren“ organisieren sich und ziehen durch Ortschaften. Die Rolle des Rechtsstaates wird dabei oft nicht nur infrage gestellt, sondern als überholt und überflüssig angesehen.

Und damit sind wir wieder beim Punisher. Frank Castle ist zwar kein Nazi, aber dennoch ein skrupelloser Mörder, der sich ohne mit der Wimper zu zucken über das Gesetz stellt. Streng genommen trifft das natürlich ebenso auf fast alle anderen Superhelden zu. Nur oftmals agieren die in einer fantastischen Welt, die sich mit unterschiedlichen Elementen (oftmals durch einen übernatürlichen Antagonisten) klar von der unseren abgrenzt. Das New York des Punishers tut das allerdings nur bedingt. Wenn der zentrale Konflikt zwischen Gut und Böse also mit einer Kugel zwischen den Augen des ziemlich humanoiden Schurken™ gelöst wird, bleibt von der kathartisch angelegten Wirkung für mich nur noch wenig übrig. Eine Welt, in der die Grenze zwischen Fiktion und Realität, scheinbar Gut und scheinbar Böse derart verschwimmt, fühlt sich für mich fehl am Platz an.

Doch noch steht die Serie nicht zum Abruf bereit (und viel mehr als „to be released in 2017“ ist noch nicht bekannt). Ich möchte ihr vorab auch kein Unrecht tun. Vermutlich wird sie sich ohnehin mit den moralischen Dilemmata der Selbstjustiz auseinandersetzen. Trotzdem habe ich Bauchschmerzen.

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